Der Wert der Wüste
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Ausgabe Februar / März 2010 - Jutta Lörler, Berlin, Christian Hertel, Kitzingen
Stille – das wird wohl jeder Christ bestätigen – ist etwas Gutes. Sie öffnet den Himmel, weil Gott da spricht, wo Menschen zur Ruhe kommen. So zieht sich auch Jesus selbst immer wieder alleine zurück, um zu beten. |
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Was aber, wenn es stiller wird, als einem lieb ist? Was, wenn selbst Gott schweigt? Dann wird eine Landschaft zum Bild, die im alten und neuen Testament immer wieder auftaucht, als ein Ort, an den Gott selbst seine Leute führt: die Wüste.
Dürrezeiten im geistlichen Leben Gott führt sein Volk Israel durch die Wüste und wegen ihres Unglaubens wird eine Schule von rund 40 Jahren daraus. David ist auf seiner Flucht vor Saul und Absalom oft in der Wüste. Der mutlos gewordene Elia flüchtet sich in die Wüste, wo Gott ihn versorgt, um ihn anschließend für vierzig Tage auf den Weg durch die Wüste zum Berg Horeb zu schicken und ihm dort zu begegnen. Jesus wird vom Geist Gottes in die Wüste geführt, wo ihn der Teufel versucht.
Gott führt seine Leute Orte der Einsamkeit und der Entbehrung, der Versuchung und der extremen Zerreißprobe für den Glauben. Gott führt in Situationen, in denen alles nicht mehr sicher ist, in denen man sich seiner Gegenwart nicht mehr gewiss ist. Davids Psalm aus seiner Zeit in der Wüste Juda ist dafür ein Beispiel: „Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir, mein ganzer Mensch verlangt nach dir aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist.“ (Psalm 63, 2) Und wenn Hiob auch äußerlich nicht in diese Reihe passt, so ist er doch mit von ihm erlebten tiefen Not und Entbehrung hier einzureihen.
Man spricht von Wüstenzeiten, von Dürrezeiten im geistlichen Leben. Die kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Entscheidend ist, dass solche Wüstenzeiten weder selbst gesucht noch selbst verschuldet sind, denn es geht dabei nicht um einen Mangel an geistlicher Erfahrung aufgrund eigener Oberflächlichkeit und Nachlässigkeit im geistlichen Leben. So nennt der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz (16. Jh.) eines seiner Hauptwerke „Die dunkle Nacht“. Er beschreibt die Erfahrung einer geistlichen und menschlichen Dunkelheit, die uns normalerweise fremd ist und das, obwohl er Gott sehr intensiv gesucht hat. Die katholische Kirche hat ihn gerade wegen dieser Erfahrungen in den Stand eines „Lehrers der Kirche“ erhoben. Oder Theresia von Lisieux (19. Jhd.) aus dem Orden der Karmeliterinnen, die in der Tiefe ihrer Depression und der erfahrenen Gottesferne weit über alles Durchschnittliche hinausgeht und sehr an Hiob erinnert. Es sind geistliche Menschen, die Gott von Herzen suchen, und denen Gott Zeiten der Entbehrung und Dürre zumutet, bis dahin, dass der Allmächtige auch für den Frömmsten nicht verfügbar ist.
Es geschieht Läuterung Gott mutet seinen Leuten Zeiten der Entbehrung und Dürre zu: innerlich oder äußerlich, und manchmal beides. Er mutet ihnen das Tal der Todesschatten zu, um Menschen zu verändern und umzugestalten. Da wird etwas zur Erfahrung, was wir wie selbstverständlich singen und theoretisch auch meinen: „Und wer dies Kind mit Freuden umfangen, küssen will, muss vorher mit ihm leiden groß Pein und Marter viel, danach mit ihm auch sterben und geistlich auferstehn, das ewig Leben erben, wie an ihm ist geschehn.“ (aus „Es kommt ein Schiff geladen“)
Die Läuterung dient der Zubereitung und Ausrüstung, es tun sich neue Perspektiven auf. Gott verändert das Bild, das ein Mensch von ihm hat. Selbst der „fromme, gottesfürchtige und rechtschaffene Hiob“ war in seinem Bild von Gott so begrenzt, dass er in seiner letzten Antwort an Gott sagt: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.“ (Hiob 42, 5f)
So wird er wohl nicht der einzige sein, der bei seinen Vorstellungen der Korrektur bedarf. Und an Hiob wird deutlich, was auch nach ihm viele bezeugen: die Beziehung zu Gott verändert sich durch die Läuterung. Man wird abhängiger von Gott, erwartet alles von ihm und wird dadurch unabhängiger von Menschen. Man wird echt und unverstellt aber auch barmherzig, weil Menschen in Wüstenzeiten oft auch ihrem eigenen Wesen, der „dunklen Seite“ ihrer Persönlichkeit begegnen. Man wird also auch abhängiger von der Gnade Gottes und wird so barmherzig, wie auch unser Vater im Himmel barmherzig ist. (Lk 6,36)
Gut, dass solche Zeiten der Arbeit Gottes an seinen Leuten zum klaren heilvollen Ziel auch eine klare Begrenzung haben, und dass sie uns nicht überfordern sollen. Davon spricht Paulus, wenn er schreibt: „Gott aber ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über euer Vermögen versucht werdet, sondern er wird zugleich mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen, so dass ihr sie ertragen könnt.“ (1. Kor. 10.13)
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