|
 
|
Gerne bei Jesus dabei
|
Ausgabe Nr. 2, April / Mai 07 - Paul Ludwig Böcking
Seit vier Wochen kommt Ruth nicht mehr zur Gemeinschaft. Sonst war sie immer voll dabei. Sonntagabends in der Gemeinschaftsstunde, Donnerstag-abend im Hauskreis, monatlich im Mitarbeiterkreis. Eine Single- Frau im besten Lebensalter, immer zur Stelle, wo ihre Hilfe gebraucht wurde. Dann vor vier Wochen das Gemeinschaftsfest. |
 |
|
 |
Die anderen Frauen in der Küche waren mit dem neuen Metzger, den Ruth für die Fleischlieferung ausgesucht hatte, nicht zufrieden. Und fürs Salatbüffet hatte Ruth zu wenige Leute angesprochen. Es reichte nicht. Da gab’s Ärger in der Küche. Nachdem Ruth früher schon mal andere wegen weniger guter Arbeit kritisiert hatte, geriet sie jetzt in die Schusslinie. Aber das war´s dann wohl. Der Prediger hat letzte Woche einen Besuch bei ihr gemacht und versucht, die Emotionen runterzufahren. Bisher ist Ruth jedoch nicht wieder in der LKG aufgetaucht. Was könnte ihr helfen, gerne weiter in der LKG dabei zu sein?
Der Prediger ist enttäuscht. Zum LKG-Familiengottesdienst letzten Sonntag hatten die Leute aus den Jungscharen und die Mütter vom Mutter-Kind-Treff ein fröhliches Programm zusammengestellt. Kurze Erlebnisberichte mit Beamer- Bildern aus ihren Gruppen, begeisternde Mitmach-Lieder für Jung und Alt, ein Krabbelraum für die Kleinsten, bunte Deko, für jeden ein süßes Mini- Geschenk und ein längeres, gut passendes und gut eingeübtes Spielstück der Jungscharen als Hinführung zur Kurzansprache des Predigers. Soweit, so super. Aber bis zum Schluss fand der Prediger keine drei Mitarbeiter aus Jungscharen und Mu-Ki-Treff, die bereit waren, die Fürbittengebete mit seiner Unterstützung schriftlich zu formulieren und beim Familiengottesdienst zu beten. Zu viel bei den anderen Programmteilen eingespannt, zu viel „gute“ Beter im Publikum, zu wenig im öffentlichen Beten gewöhnt, sagten die Mitarbeitenden. Was könnte ihnen helfen, gerne auch rein geistliche Programmpunkte in der LKG zu übernehmen?
1. Von den Menschen weg zu Jesus Solche Enttäuschungs - Erfahrungen an Mitchristen sind wichtig und heilsam. Sie helfen die Grundfragen zu klären: Warum eigentlich bin ich in der LKG dabei? Warum mache ich da überhaupt mit? Diese Fragen stellen sich unausgesprochen bei allen Schwierigkeiten im Miteinander. Weitermachen, Wege zueinander suchen oder weggehen? Ich bin dabei, oder ich verweigere mich.
Wir alle waren zunächst in der Landeskirchlichen Gemeinschaft dabei, weil uns die Leute dort gefallen haben und weil wir uns gegenseitig nutzten. Wir alle sind dazugekommen wegen der Menschen in der LKG. Das ist ganz normal. Jedes Gruppen- und Gemeindewachstum fängt so an, ob Fußballverein oder LKG. Neue kommen dazu, weil sie andere kennen lernen, die einladend wirken. Die Menschen und die Lebensart dieser Gruppe bieten den Neuen etwas, was ihnen bisher fehlte. Alles läuft über erlebte Gemeinschaft zwischen Menschen. In den englischen Gemeindewachstums-Studien heißt das: „Belonging before believing.“ Dazugehören kommt vor dem Glauben. Bei zunehmend längerem Dazugehören aber entstehen unausweichlich Krisen. Die Menschen und ihre Lebensart, die man anfangs oder auch lange Zeit für bereichernd hielt, offenbaren ihre Schwächen. Man erlebt Enttäuschungen aneinander. Man ärgert, man streitet sich. Dann schlägt die Stunde der Wahrheit. Dann hört das rein äußerliche Dazugehören und das rein äußerliche Übernehmen und Nachmachen von auch christlichen Formen auf. Dann geht es nicht mehr um Menschen und kurzfristigen Nutzen. Dann ist Glaube, Entscheidung, Hingabe, Überzeugung gefragt.
Da ist es gut, dass unsere Landeskirchliche Gemeinschaft und jede christliche Gruppe und Gemeinde nicht auf uns selbst aufbaut, sondern auf Jesus Christus. Wird aus meinem menschlichen Dabeisein in der LKG ein geistliches Dabeisein bei Jesus? Darum geht´s. Mache ich in der LKG bei und für Jesus mit? Oder bin ich für mich selbst und meinen Nutzen und für die Anerkennung durch andere dabei? Deshalb sind Enttäuschungs- und Krisen - Erfahrungen in Gruppen und Gemeinschaften wichtig und heilsam. Durch Krisen werden aus Wohlmeinenden echte Jesus-Leute. Wenn es denn ein wahrnehmbares Wachstum im Glauben gibt, dann zeigt es sich hier. Glaubenswachstum ist Vertiefung der Jesusgemeinschaft in alle Lebensbezüge hinein. Wachsen zu Jesus, weg von Menschenabhängigkeit. Das wäre auch die grundsätzliche Einsicht und Hilfe für Ruth: nicht Menschenbeifall, sondern Jesusgemeinschaft. Und auch Prediger und Mitarbeiter haben hier Klärungsbedarf. Nicht nur Kreativität, sondern Bekehrung und wirkliche Jesusliebe ist gefragt. Wie kann das gehen?
2. Vom Ärger weg zu Jesus Von David erzählt uns das Alte Testament, dass er sich in einer Krisensituation „stärkte in dem Herrn, seinem Gott.“ 1.Sam.30,6. Psalm 37,4 empfiehlt Leuten, die das Glück anderer neidisch macht: „Habe deine Lust am Herrn; der wir dir geben, was dein Herz wünscht.“ Von Jesus wissen wir, dass er sich regelmäßig zurückzog, um in den intensiven Austausch mit seinem Vater in der unsichtbaren Welt des Himmels einzutreten. Mk.1,35. Nur die Freude an Gott und Jesus Christus hilft uns wirklich raus aus den Enttäuschungen aneinander.
Durch Jesus erfahren wir die Gewissheit der Vergebung unserer Sünden. Bei Jesus findet unser Herz zur Ruhe. Bei ihm ist uns sicher, was Menschen uns letztlich nie geben können: durch und durch aufrichtiges Wohlwollen und Förderung; Daseinsberechtigung und Lebensraum, die keine Macht der Welt in Frage stellen kann; immer eine offene Tür zu einem neuen Anfang; absolut gerechte Beurteilung ohne Ansehen der Person; die Zusicherung eines vollkommen neuen Lebens in vollkommener Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen. Wir müssen wissen, was wir an Jesus haben.
Wir müssen uns seine einzigartigen Qualitäten einprägen. Wir nehmen sie in ständiger Wiederholung in uns auf und stellen sie vor unser inneres Auge. Wir gehören einem unvergleichlich guten Herrn. Das macht uns stark gegen unsere Enttäuschungen und unseren Ärger. Deshalb brauchen wir dringend die Zeiten der Stille mit der Bibel und mit den Gottes- und Jesus-Geschichten darin. Diese biblischen Texte sind der Stoff mit dem die Auferstehungsmacht Gottes in unser Herz kommt. Mit ihnen widerstehen wir der Trauer, der Aggression und der Enttäuschung über unsere und anderer Leute Sünden und Unfähigkeiten.
Bei Jesus dabei sein – das können wir einüben beim Bibellesen. Wir fragen: Was wird mir hier Gutes an Jesus geschildert? Wie einzigartig, wie überraschend, wie erschreckend, wie tröstend ist hier Jesus? Das kann man sich aufschreiben in kurzen Sätzen: Jesus, du bist…, du hast…, du machst… Jesus, ich sehe dich als… Jesus, ich staune über dich, weil… So gehen wir über in die Anbetung und die zweckfreie Freude an Jesus. Wir sind gerne bei ihm. Und so kommen wir weg von Ärger und Streit. So wird es uns ein Anliegen, regelmäßig zu Jesus zu beten und das auch öffentlich zu tun. Denn wir sind in der Landeskirchlichen Gemeinschaft dabei, weil wir dort Jesus begegnen in seinem Wort und nicht nur einander. Wir sind in der LKG dabei, weil wir Jesus brauchen und lieben, auch wenn uns einige in der LKG – manchmal – nicht brauchen und nicht lieben. Wir müssen unsere Freude an Jesus stärken.
3. Von Jesus zur Gemeinschaft Wo die einzigartige Freude an Jesus uns bestimmt, finden wir Wege zueinander. Und wenn es noch so schwierige Weg sind. Wir können Kränkungen und Verluste wegstecken, weil Jesus in unseren Herzen für uns und für die anderen spricht. Bei Jesus haben wir nicht an Liebe und Wert und Bedeutung verloren, wenn andere oder wir selbst uns klein machen. Wir können und müssen durch Jesus auch unsere Sünden und Schwierigkeiten miteinander besprechen und sie einer Lösung zuführen. Von Jesus her ergeben sich die Maßstäbe der Gestaltung unseres Umgangs miteinander. Oft tun solche Gespräche über unsere Schattenseiten weh. Es kann zu Trennungen führen, wenn trotz klarer Absprachen mit Sünden anderen Menschen weiter geschadet wird. Auch schmerzhafte Schritte entsprechen Jesus. Das Neue Testament und der Heilige Geist zeichnen uns keinen „Weichei“- Jesus ins Herz. Wenn wir hörend und anbetend beim biblischen Jesus dran sind, finden wir zur Gemeinschaft miteinander.
Denn wer den lebendigen Jesus Christus im Herzen erfährt, kann nicht mit diesem Herrn allein für sich selbst bleiben. Jesus weist uns an den ebenso wie wir glaubenden Mitchristen und an den Nächsten. „Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?“ 1, Joh.4, 20. Es gibt kein Jesus- Solo-Christentum und keine Jesus-Solo-Freude. Jeder von uns braucht die einfache praktische Hilfe durch den Mitchristen. Keiner kann alles. Jeder von uns braucht die fröhlich- lockere Entspannung zusammen mit anderen. Jeder von uns braucht den persönlich ermutigenden oder ermahnenden Zuspruch. Keiner kann sich auf Dauer selbst trösten. Keiner kann sich allein durch das undurchschaubare Dickicht moderner Lebensgestaltung hin- durchfinden. Jeder von uns braucht das gemeinsame Hören auf die Jesus-Botschaft und das lernende Austauschen darüber. Keiner versteht allein Jesus richtig.
Jesus eint uns. Er verbindet sich selbst gefährdende Leute zu einer realistischen und tiefen Mitmach-Gemeinschaft. Unser Dabeisein in der LKG hängt an unserem Dabeisein bei Jesus. Und nicht umgekehrt. Je näher an Jesus, desto fester beieinander. Je weiter weg von Jesus, desto weiter auseinander. Ich bin dabei – weil ich gerne bei Jesus dabei bin.
|
 |
|
| zurück |
 |
|
|