Startseite Kontakt Impressum Datenschutz
Ich bin dabei - nahe beieinander
Ausgabe Nr. 3, Juni / Juli 07 - Prof. Dr. Hans-Joachim Eckstein

Autorisierte Kurzfassung einer Predigt bei der Landeskonferenz am 22.4.2007 in Puschendorf. Der Stil mündlicher Rede wurde beibehalten.

Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibet in meiner Liebe.
Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe. Wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt wie ich euch liebe.
Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut was ich euch gebiete. Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid, denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid. (…) Das gebiete ich euch: dass ihr euch untereinander liebt.
Johannes 15, 9-17
Jesus verabschiedet sich von den Frauen und Männern, mit denen er ca. drei Jahre zusammen war. Mehr noch als durch alle Worte und Taten hatte sie Jesus durch seine Zuwendung und Liebe beschenkt und fasziniert. „Er liebte die Seinen, und er liebte sie bis zur Vollendung“ (Joh.13,1). Das ist das Schönste, was wir uns schenken können: Zuneigung, Zuwendung und Anerkennung. Gewiss, wir müssen viel planen und arbeiten im Leben. Aber das Wichtigste, was wir tun sollten, ist, die Liebe weiterzuschenken, die wir von Christus erfahren und lernen. Erkennt man uns an unserer Liebe? Wir haben Menschenkenntnis. Aber setzen wir die immer ein, um andere zu trösten, zu stärken und zu fördern? Wir duzen uns. Aber kommt das dem anderen immer zugute? Ist nicht manchmal unsere Nähe auch Distanzlosigkeit? Wie oft reden wir gehässig? Wie oft grenzen wir uns ab, und es geht bei uns zu wie bei allen anderen.

Allerdings habe ich auch das Gegenteil erlebt.

1. Nahe beieinander - durch Zuwendung
Ich stünde heute wohl nicht hier, wenn es nicht Menschen in meinem Leben gegeben hätte, die von Jesus lernten. Sie wussten, dass es in unserem Leben über alles hinaus um Zuwendung und Ernstnehmen des anderen geht, um die Bedeutsamkeit, die wir Menschen durch unser Wohlwollen und unsere Zuneigung schenken.

Ich wurde direkt nach der Konfirmation von einem Klassenkameraden in einen CVJM eingeladen. Ich gestehe, dass ich zuvor über die Wassertaufe hinaus religiös noch unberührt war und ein „echtes Missionsobjekt“. Ausgerechnet an diesem Abend war der Leiter kurzfristig ausgefallen. Großer Schrecken! Wir saßen zu siebt da, und keiner hatte sich vorbereitet. Auf dem Heimweg fragte mich mein Freund verstohlen: „Gell, Du kommst bestimmt nicht wieder?!“ Ich hab’ gesagt: „Doch“. Dabei haben wir an dem ganzen Abend nichts anderes gemacht als Gesellschaftsspiele. Was mich als Vierzehnjährigen faszinierte, war die Art, wie sie sich begegneten. Sonst haben wir uns als Jungen oft gerempelt und gestritten, beim Würfeln beschummelt und beim Kartenspielen belogen. In dieser Gruppe aber ließen sie auch den anderen gelten. Wer nicht so schnell war, bekam seine Zeit. Wer verlor, wurde nicht ausgelacht. Mich beeindruckte, wie wir dort miteinander umgingen und spielten – das war das erste Zeugnis, das Christen mir schenkten.

Ich habe dann im CVJM viele Andachten und Bibelarbeiten gehört und manches dazugelernt. Vor allem erinnere ich mich an eine Woche auf einer Bibelschule, bei der ich in einer Clique in Gesprächen und gemeinsamen Gebeten Gemeinschaft in einer noch viel tieferen Weise erlebt habe. Das Neue und Ungewohnte war für mich, dass wir voreinander nicht fromm angegeben haben und uns darstellen mussten, sondern offen unsere Probleme besprechen konnten. Zunächst fürchtete ich, dass das Interesse und die Zuneigung der anderen nachlassen könnten, wenn sie mich kennen lernten, wie ich wirklich bin. Aber je offener wir wurden, in dieser einen Woche, desto ernster haben wir uns wechselseitig genommen. Wir erlebten, was Gemeinschaft bedeutet: den anderen gelten zu lassen, als den, der er ist. Am Ende dieser Woche stand mir der Glaube plötzlich so umfassend attraktiv und lebendig vor Augen: Gott liebt uns nicht, weil wir liebenswert sind, sondern wir erkennen unseren Wert, weil Gott uns liebt! Christus schenkt uns grenzenlose Freude, weil er selbst sich uns uneingeschränkt zuwendet und vorbehaltlos liebt und wir diese Liebe mit anderen teilen können.

2. Nahe bei einander – durch dienen
Gerade vor dieser Abschiedsrede hatte Jesus eine Mahlgemeinschaft mit seinen Jüngern. Sie kamen mit verstaubten Füßen von der Straße, und es war klar, jemand musste ihnen die Füße waschen. Aber keiner hat´s gemacht. Da stand Jesus selbst auf und hat symbolisch etwas getan, was den Jüngern fast den Verstand raubte. Er nahm sich den Schurz eines Sklaven und wusch ihnen allen die Füße. Für einen freien Mann, ja für den Herrn des Hauses in der Antike unvorstellbar!

Wir kennen dieses Problem der Rangfolge aus unserem Berufsund Alltagsleben. Auch bei uns an der Uni ist es so: Wenn ein Neuer kommt, muss die Rangfolge erst neu abgeklärt werden – jedes neue Semester, bei jedem neuen Dekan. Und was macht Gott? Bevor wir uns alle in unserer Hackordnung in den Gemeinschaften zerfleischen, sagt er: Wenn ihr wissen wollt, wie man nach ganz vorne kommt und ganz oben ist, dann fangt an zu dienen; orientiert euch am anderen. „Wer groß sein will unter euch, der sei euer Diener“. Als Herr und Meister tat Jesus den schmutzigsten und geringsten Dienst und überwand so seine beschämten Jünger. So wie ein Freizeitleiter am besten gleich selbst mit dem Putzen der Toiletten anfängt und damit alle Rangeleien um Aufgaben erübrigt. Wenn wir das Unangenehme nur von oben nach unten verschieben, kommen wir als Gemeinschaft nie zu den Aufgaben, die wirklich zu tun sind.

Und wie reagiert Petrus? „Danke, Herr! Ich lass mir doch von dir nicht dienen!“ So sind wir. Wir sind uns zu gut für die Gnade und schämen uns zu empfangen! Und deshalb sind wir anderen gegenüber so ungnädig. Wir sind zu stolz, uns von Gott lieben zu lassen; und deshalb sind wir unfähig, uns gegenseitig zu lieben. Wir sind so sehr mit unserem eigenen Kämpfen und unseren Rangfolgen beschäftigt. Wir wollen, dass wir vor anderen gut dastehen und gut aussehen. Wir wollen immer mehr und wichtiger und besser sein als andere. Und darüber verpassen wir das wahre Leben. Aber Jesus macht es anders: Er holt seine Jünger in ihrer Schwachheit ab. Er liebt sie aus ihrer Einsamkeit, aus ihrer Ich-Verfallenheit heraus. Er wäscht ihnen die Köpfe, indem er ihnen die Füße wäscht. Er dient!

3. Nahe bei einander – durch die vollkommene Liebe Jesu
Warum ist Jesus mit seinen Jüngern und mit uns so geduldig? Weil er selbst aus der Liebe lebt und weil er weiß, dass wir Menschen geschaffen sind, um geliebt zu werden. Wir brauchen diese Zuwendung und Aufmerksamkeit, wie wir schon als kleine Menschenkinder, wenn wir auf die Welt kommen, die ganze Zuneigung unserer Mutter brauchen. Wir könnten gar nicht allein leben, denn wir sind als Menschen Gemeinschaftswesen und darauf angelegt, ein Leben lang geliebt zu sein. Es mag sehr wohl sein, dass wir unter Menschen diese umfassende Liebe bisher nicht gefunden haben und selbst unsere Eltern sie uns nicht geben konnten. Vielleicht haben auch andere Christen an uns versagt. Wie schnell werden wir verhärmt und empfinden, dass uns niemand wirklich anerkennt und würdigt. Dabei geht es letztlich immer wieder um nicht empfangene Zuwendung und Liebe. Aber diese vollkommene und umfassende Liebe, die wir als Menschen eigentlich brauchen, können uns weder unsere Ehepartner geben, noch können sie uns unsere Kinder geben, noch auch unsere Gemeinschaft oder Kirchengemeinde. Wir brauchen nämlich eine vollkommene, eine unbegrenzte Liebe.

Gibt es denn ein Weniger und ein Mehr an Liebe? Gewiss! Jesus führt es vor: Wir erkennen Liebe an dem Ausmaß dessen, was ein anderer uns zuwendet. Im aller äußersten Fall ist jemand aus Liebe sogar bereit, sein eigenes Leben für jemand anderen einzusetzen. Deshalb sagt Jesus: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein eigenes Leben gibt, für seine Freunde. Und ihr seid diese, meine Freunde“. Wissen Sie, was uns, wenn wir Jesus am Jüngsten Tag sehen, über alles faszinieren wird? Nicht die Belohnung, die wir dann kriegen für all das, was wir Gutes getan haben, nicht die Anerkennung für unsere Erfolge. Am meisten wird uns seine Liebe faszinieren! Eine Liebe, die jetzt schon vollkommen ist. Wir werden zurückschauen auf unser Leben und werden sagen: „Du warst in all diesen Stunden und Tagen schon bei mir und hast dich so an mir gefreut. Ich war dir so wichtig, und ich hab’ es nicht gemerkt und nicht beachtet.“ Das Wichtigste an der Freude im Himmel wird für uns Gottes Zuwendung und Liebe sein, von der wir aber heute schon wissen. Es ist eine Sache der Erkenntnis, des Bewusstmachens, des sich Erinnerns: Wir sind Jesu Freunde. Und sein Freundschaftsbegriff ist so gefüllt, dass er das Wertvollste und Äußerste für uns gibt. Denn es ist sein eigenes Leben, das er für uns aus Liebe eingesetzt hat. Welche Bedeutsamkeit liegt in einer solchen Liebe!

4. Nahe bei einander – durch schenkende Liebe
Wenn jemand von denen, die er liebt, weggehen muss, dann teilt er ihnen zum Abschied das Wesentliche und wirklich Wichtige mit. Für jemanden, der die Vielzahl der Gebote und Verbote im alttestamentlichen Gesetz kennt, muss die Konzentration Jesu auf das Eine und Einzige ihm Wichtige atemberaubend erscheinen: „Ein einziges, neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.“ Darum geht es, dass ihr euch gegenseitig diese Bedeutsamkeit und Wertschätzung, die in meiner Liebe zu euch liegt, erfahrbar und bewusst macht. Denn Gottes Liebe ist vollkommen, aber sie ist in den Anfechtungen des Alltags nicht immer unmittelbar für uns greifbar und sichtbar. Die geschwisterliche Liebe in der christlichen Gemeinde ist gewiss unvollkommen, aber sie ist unmittelbar wahrzunehmen. So zeigt uns Gott seine Liebe, die zwar unsichtbar, aber vollkommen ist, in der menschlichen Liebe, die zwar unvollkommen, aber sichtbar ist.

Seelsorger, die viel in Altenheimen arbeiten, kennen das Phänomen: Man kann von einer Tür zur anderen gehen, und viele freuen sich darüber, dass man sie besucht. Im zweiten Satz kommt dann aber die Klage: „Keiner kümmert sich um mich! Allen ist es egal, ob ich bin oder ob ich nicht bin.“ Geht man zur nächsten und zur übernächsten Tür, dann hört man stets die gleiche Klage über die Einsamkeit und die Lieblosigkeit der Welt. Dabei müsste sich nur jeder aufrappeln, an der Nachbartür klopfen und schauen, ob dort nicht auch jemand ist, der sich nach Aufmerksamkeit und Zuneigung sehnt. Es müsste nur jeder, der sagt: „Es braucht mehr Liebe in der Welt“, auch selbst so handeln, und dem ganzen Altenheim wäre geholfen.

Zu einer solchen umfassenden Freude und Liebe brauchen wir keine ideale Gemeinde. Wir haben einen idealen Herrn, der seine Ideale in Liebe gelebt hat und lebt. Was wir aber brauchen, sind Menschen, die nicht warten, sondern aufstehen und handeln. Suche nicht die ideale, sichtbare Kirche oder Gemeinschaft – lebe sie! Schöner noch als beschenkt zu werden, ist es zu schenken. Noch faszinierender als die Erfahrung, selbst gesegnet zu sein, ist es, Segen weiterzugeben und mit anderen zu teilen. Das, was Jesus hier gebietet, ist nicht ein neues Gesetz; sondern das ist das Evangelium: sich von ihm lieben und beschenken zu lassen in allen Bereichen des Lebens und sich hineinnehmen zu lassen in seine Gemeinschaft, in das „Wir“ mit ihm: „Bleibet in meiner Liebe!“ Wenn wir so umfassend in ihm und seiner Liebe leben und ihn durch uns leben lassen, dann werden wir auch erfahren, dass sein Leben durch uns „Frucht bringt“.

„Das sage ich euch“, spricht Jesus, „damit meine Freude in euch bleibe, und eure Freude vollkommen werde.“ Wie wird unsere Freude vollkommen? Indem wir aufhören, Verkrampftes zu tun; indem wir aufhören, uns zu isolieren und einsam um Anerkennung und Geltung zu kämpfen. Stattdessen können wir fragen: Herr, du hast mir „die Füße gewaschen“ und mir aus Liebe gedient – wo kann ich mich jetzt anderen Menschen zuwenden und sie aufwerten? Du hast mich angenommen und bejaht wie ich bin – zeige mir bitte, wie auch ich andere Menschen mit den Augen Deiner Liebe sehen kann. Dann wird Gottes vollkommene Liebe, die unsichtbar ist, für andere Menschen sichtbar werden an unserer Liebe, die wir selbst doch unvollkommen und stets auf seine Liebe angewiesen sind. „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“.
Druckansicht
zurück