Ein ganz frommer Satz, möchte man meinen. Aber das meint doch: Für das Beten haben wir einen Pfarrer eingestellt. Unsere Aufgabe ist es nicht. Wesentliche Stücke christlichen Lebens werden so an den Pastor delegiert. Der darf sich dann für die Gemeinde aufopfern. So aber gleicht der Pastor oft einer Mutter, die zu ihrem Kind sagt: Du musst nicht laufen lernen. Ich mache das schon für dich. Bleib du nur liegen, ich versorge dich. Die Gemeinde gleicht dann auch einer Schar verwöhnter Kinder, die kriegen, was sie wollen, aber nicht bekommen, was sie brauchen“.
Man möchte meinen, bei uns in der Landeskirchlichen Gemeinschaft ist das anders. Bei uns beten, arbeiten und machen die Menschen doch automatisch mit. Aber stimmt das wirklich? Oder sind unsere Gemeinschaften nicht manchmal zu „Predigergemeinschaften“ geworden, wo einer allein all das leisten soll, was eigentlich unser aller Auftrag ist?
Es ist noch gar nicht so lange her, da antworteten Mitarbeiter einer Gemeinschaft auf die Frage, warum sie diese und jene wichtige Aufgaben vor Ort nicht wahrnehmen: „Dafür haben wir doch den Prediger, der wird schließlich von uns dafür bezahlt“. Von daher wird das Motto dieser „Blickpunkt-Ausgabe“ „Ich bin dabei – ich gestalte mit“ bestimmt von dem einen oder anderen Verantwortlichen in unseren Gemeinschaften mit Wehmut gehört werden.
Wollen Menschen überhaupt mitgestalten?Natürlich: Hoffentlich machen die Prediger die Aufgaben, für die sie bezahlt werden. Und hoffentlich bringen sich die Delegierten, Gemeinschaftsräte und anderen Verantwortlichen in unseren Gemeinschaften voll ein. Aber das allein ist zu wenig. Einer allein – oder vielleicht einige wenige allein, können gar nicht leisten, was die ganze Gemeinde tun soll: „Die Gemeinde Jesu entfaltet dann ihr volles Potenzial, wenn jedes ihrer Mitglieder das tut, was seiner Berufung und Begabung entspricht. Wo wir in zunehmendem Maße in unsere Begabung und Berufung hineinwachsen, da erleben wir den Schlüssel zu einem Leben in Fülle. Da erleben wir das Wunder, dass Gott sich unserer Schwachheit bedient, um etwas zu schaffen, das weit größer ist als wir selbst!“ (Jörg Albrecht). So hat es sich Gott gedacht. Nicht einige wenige Priester wie im Alten Testament sollen der Gemeinde Gottes dienen, sondern die ganze Gemeinde Gottes wird zur Priesterschaft: „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum…“( 1. Petrus 2,9). Und immer da, wo die Gemeinde Gottes dieses Prinzip verlässt, verliert sie an Wirkung in dieser Welt. Und auch innerhalb der Gemeinschaft erleben passive, nur empfangende Glieder wenig Erfahrungen des inneren Wachstums, der Entfaltung ihrer Gaben und wenig Freude, an dem, was Gott durch sie wirkt. Warum wollen Menschen sich trotzdem oft nicht einbringen?
Warum haben sie oft Angst vor dem Mitgestalten? Auch hier sind die Gründe vielfältig. Viele trauen sich weniger zu, als sie können. Sie sind schnell dabei, die Mitgestaltung in der Gemeinschaft nur an den offensichtlichen Gaben wie Verkündigung, Musik und der beeindruckenden Gestaltung von Veranstaltungen festzumachen. Aber „Am Fuße des Kreuzes ist der Boden eben. In der Gemeinde ist niemand zu erhaben und niemand zu niedrig, um vom Dienst ausgenommen zu sein“ (Gilbert Bilezikian)
Dürfen Menschen überhaupt mitgestalten?Manchmal liegen die Hindernisse aber auch im Verhalten der Leiter begründet. Ganz egal ob es die Prediger oder anderen Verantwortlichen der Gemeinschaft sind. Wenn viele mitmachen, dann bin ich als Leiter nicht mehr so wichtig. Dann schauen nicht alle mehr so stolz auf mich, den „Macher“. Es verändert sich auch meine Rolle. Ich bin dann nicht mehr der, dem alle zujubeln für das, was ich tue (Oder mich ausbuhen, wenn es schief läuft). Sondern ich werde als Prediger und Leiter viel mehr zum Trainer, der anderen hilft, ihr eigenes Potenzial zu entdecken, zu entfalten und einzusetzen. Es ist auch anstrengender, Aufgaben im Team zu machen. Es braucht Absprachen, Begleitung, Ringen um den richtigen Weg und oft auch ganz viel Konfliktfähigkeit. Aber nur das ist nach dem Neuen Testament der Weg Gottes für seine Gemeinde. Und es schmerzt mich zu sehen, wo wir manchmal als Gemeinschaftsbewegung trotz anderer Lippenbekenntnisse genau diese Fixierung der Arbeit auf zu wenige oder sogar Einzelne leben. Wir müssen wieder lernen, in unseren Gemeinschaften Menschen mit hinein zu nehmen in die Mitarbeit, auch wenn unsere Arbeiten dann nicht so bleiben wie sie sind.
Was ist der Preis der Mitgestaltung?Mitgestaltung vieler bringt Veränderung. Und wie gelingt es, Menschen in die Mitgestaltung hinein zu nehmen?
- Indem wir ihnen Räume anbieten, wo Mitarbeit und Mitgestaltung fehlerfreundlich möglich wird: Mitarbeit auf Probe, Arbeit im Team, wo man sich ergänzen kann und Begleitung in der Mitarbeit durch andere bewährte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
- Indem wir sie fragen. „Gute Führungskräfte sind tapfere Bettler. Sie warten nicht auf Mitstreiter, sondern wagen es zu bitten: Komm, stell Dich mit uns zur Verfügung. Musiziere, spende, besuche, rede, organisiere, baue, backe, betreue, bezeuge, leite, putze, gestalte, singe, lege aus – aber gib, was Du hast, für etwas, das den Wert der Ewigkeit besitzt!“ (Michael Herbst). Menschen wollen gefragt werden. Und nur wer andere konkret anspricht, wird bei vielen Menschen erleben, dass sie sich gerade deshalb einsetzten.
- Indem wir ihnen helfen ihre Stärken, Neigungen und Gaben zu entdecken. Gerade neue Leute in der Gemeinschaft und im Glauben wissen oft gar nicht, was sie können und was Gott ihnen als Gaben mitgegeben hat. Daher brauchen sie Hilfen, diese zu entdecken, z.B. durch Gabenseminare. Eine andere Gemeinde bietet neuen Leuten „MAP“ an: „Mitarbeit auf Probe“. Neue Mitglieder können erste Erfahrungen machen, was ihnen wirklich liegt.
- Indem wir dafür sorgen, das Menschen sich nicht allein einbringen, sondern in einem Team mit anderen. Nicht jeder braucht das. Aber viele gehen daran kaputt, das sie in Aufgaben geworfen und dann damit allein gelassen werden.
Wenn wir diese Aufzählung lesen, denken wir vielleicht: Lohnt sich dieser ganze Aufwand überhaupt?
Was ist der Preis des „Nicht-mitgestalten- Lassens“?Zunächst einmal sind wir Gottes Plan, wie Gemeinde funktionieren soll, ungehorsam - was ja alleine schon schlimm genug ist. Vor allem aber unterschlagen wir genau das wesentliche Mittel, Menschen verbindlich in den Glauben und in unsere Gemeinschaftsarbeit zu integrieren. Nur wer mitgestalten darf, trägt mit. Nur wer sich einbringen kann, findet Heimat. Nur wer was verändern darf, kommt gerne. Nur wer sich auch für Jesus einbringt, statt nur zu konsumieren, erlebt Erfüllung. Hier hat sich sicher einiges verändert in den letzten Jahrzehnten. Manches haben unsere Väter und Mütter im Glauben manchmal erduldet, was heute Menschen dahin bringt, sich eine andere Gemeinde zu suchen. Ja, unsere Väter waren bestimmt „frustresistenter“. Aber wenn wir unseren Auftrag nicht verraten wollen, Menschen auch heute für Jesus zu gewinnen, müssen wir bereit sein, ihnen in unseren Gemeinschaften „Wirk-Räume“ und „Gestaltungsmöglichkeiten“ anzubieten. Menschen wollen etwas tun für Jesus und brauchen den Freiraum zum Mitgestalten. Helfen wir ihnen dabei!