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So fing alles einmal an! Der Beginn der Gemeinschaftsbewegung in Franken
Ausgabe Nr. 1, Februar / März 2008 - Siegfried Wild

Es war gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die ersten Gemeinschaftskreise in Franken zusammenfanden. Uns Heutigen stellt sich die Frage, was damals junge und alte Frauen und Männer bewog, sich zusammenzusetzen, um die Bibel zu lesen und miteinander über das Gelesene zu sprechen und zu beten? Denn ihre Zusammenkünfte begründeten den Beginn unserer Gemeinschaftsbewegung.
Es bleibt ein göttliches Geheimnis, warum in dieser Zeit an vielen Orten ein geistlicher Aufbruch mit vergleichbaren Begleiterscheinungen geschah. Er wirkte sich aus wie eine geistliche Hungerepidemie. Dafür gibt es zunächst nur eine Begründung: Gott selbst hatte den Ausbruch dieser „Epidemie“ ausgelöst. Denn einer Grippeepidemie vergleichbar, trat sie fast plötzlich auf. Gott stiftete den Hunger – und gab das Brot zur Sättigung. Es handelte sich also um ein geheimnisvolles, aber deutlich erkennbar von Gottes Geist gesteuertes Geschehen, das sich im Leben vieler Menschen ereignete.

Wie am Ostermorgen waren wieder Frauen die ersten. In Waizendorf bei Königshofen litt eine alleinstehende Frau an immer neuen Erkrankungen, für die kein Arzt und keine Medizin Erleichterung brachten. Schließlich empfahl ihr jemand, die „Villa Seckendorff“ der aus Unterfranken stammenden Freifrau Henriette von Seckendorff in Bad Cannstatt aufzusuchen, wo viele Heilungen geschähen. Sie reiste dorthin und erfuhr tatsächlich Befreiung von ihren verschiedenen Leiden. Über ihre körperliche Genesung hinaus fand sie durch die klare biblische Lehre in diesem Haus zum lebendigen Glauben an Jesus Christus. Maßgeblich für die Übergabe ihres Lebens an ihren Heiland war das Zeugnis der Freifrau und ihrer Mitarbeiterinnen, die ihr Leben sichtbar am Evangelium ausrichteten und dies in den Andachten bezeugten. Mit einem Buch mit Andachten der Freifrau kehrte sie mit diesem neuen Glauben in ihrem Herzen nach Hause zurück. Von nun an war es ihr größter Wunsch, dass auch andere Frauen diese Befreiung durch den Glauben erfahren sollten. Weil sie nicht selbst predigen konnte, lud sie Frauen zu sich ein, denen sie die Andachten aus dem Buch der Henriette von Seckendorff vorlas. So entstand der Gemeinschaftskreis in Waizendorf, der sich schon bald nach Bechhofen hin orientierte. Wenn wir also nach dem Beginn der kleinen Gemeinschaft in Waizendorf fragen, kann die Antwort nur lauten: Eine Frau behielt ihr neu gewonnenes Verhältnis zu Jesus nicht für sich, sondern wünschte für andere Menschen dieselbe Befreiung und suchte mit den ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, – bei ihr war das ein Buch, aus dem sie vorlas – das Evangelium weiter zu vermitteln.

Eine ganz ähnliche Geschichte ereignete sich fast zur gleichen Zeit in Uffenheim. Auch da reiste eine Frau mit dem Wunsch nach Heilung zur „Villa Seckendorff“. Obwohl sie keine Befreiung von ihrer Krankheit erfahren durfte, wurde sie durch die dort übliche seelsorgerliche Begleitung von Gott mit dem lebendigen Glauben beschenkt. Die Veränderung in ihrem Leben blieb nicht verborgen. Bald schon bekehrte sich ihre leibliche Schwester zu Jesus und wenig später das Schwesternpaar Babette und Karoline Scherff, die als „Kindergartentanten“ stadtbekannt waren. Weitere Frauen stießen dazu. 1898 hielt Friedrich Steger aus Ansbach die erste Stubenversammlung. Was war geschehen? Das am eigenen Leib erfahre Evangelium wurde im Leben einer Frau sichtbar. Es weckte in ihr den Wunsch, dass auch andere Menschen Befreiung von ihrer Schuld und Sündenlast erfahren durften, und ihr Verlangen wirkte ansteckend wie eine Epidemie. Die inneren Vorgänge, die dabei ablaufen, bleiben das Geheimnis Gottes.

Anders war‘s in Abtswind. Dort tritt 1871 ein neuer Pfarrer namens Heydrich seinen Dienst an. Ihm hatte Gott eine lebendige und wohl auch etwas evangelistische Predigtgabe verliehen. Die Abtswinder beargwöhnten das und vermuteten eine „neue Lehre“. Der Schneidermeister Mümpfer aber war von der Verkündigung angetan und schließlich im Innern getroffen. Er wehrte sich zwar eine Zeitlang, vor allem weil die aggressive Pfarrfrau ihm auf den Leib rückte, so dass er einmal durch das Fenster floh, als er sie kommen sah. Wie sich seine Umkehr im einzelnen vollzog, hat er nie erzählt. Er wusste aber, dass er sein Leben ändern musste. Im Dorf war er als temperamentvoller, lustiger Vogel bekannt, der zu Zornesausbrüchen neigte. Doch die Dorfbewohner erlebten mit, wie sich sein Leben veränderte, und das zog Kreise. Bald saßen bei Pfr. Heydrichs Nachfolger, Pfr. Dr. Eichhorn, 100 Menschen in der Bibelstunde, die im Haus des Schneidermeisters begann und dann wegen Platzmangels ins Pfarrhaus verlegt werden musste. Auch hier erkannte ein Mensch, dass er sich ändern musste, und er erfuhr diese Änderung durch Jesus Christus. Sie wurde von vielen wahrgenommen. Seine veränderte Fröhlichkeit als neuer Mensch gebrauchte der Heilige Geist, um auch andere zu Jesus abzuholen.

In Dombühl war‘s nochmal ganz anders. Dort lebte die unverheiratete junge Christiana Schell. Sie bekam als Dienstmagd zuerst in der Nähe von Schillingsfürst einen unehelichen Jungen. Dann verdrehte sie dem jungen Büttnermeister in Dombühl, bei dessen Schwestern sie das Nähen lernte, den Kopf und bekam mit ihm Zwillingsmädchen, ohne dass er sie geheiratet hätte. Noch einmal bekam sie von dem gleichen Mann, der inzwischen mit einer anderen Frau verheiratet war, eine Tochter. Dessen Ehe ging dadurch in die Brüche und er verschwand. Christiana Schell war also ,die große Sünderin‘ im Dorf. Nach der Ausbildung arbeitete sie als Weißnäherin und kam so durch die Ortschaften im ganzen Umkreis. Als sie im Haus des alten Korderbauern in Großwaidhausen nähte, sagte der zu ihr: „Tina, wenn du so weitermachst, kommst du in die Höll‘!“ (nach einer anderen Überlieferung soll er gesagt haben: ‚Schneiderin, an Heiland brauch‘ ,mer!‘ Beide Aussagen ergänzen sich sinnvoll). Die „Scheller Tine“ kam dadurch zur Besinnung.

Sie erkannte durch die Ermahnung dieses Mannes, dass ihr Leben ganz und gar gegen Gottes Gebote verstieß und fiel in der Erkenntnis ihres sündigen Wesens in eine tiefe Depression. In der Seelsorge ihres Gemeindepfarrers erfuhr sie den Zuspruch der Vergebung all ihrer Sünde und Schuld durch das Blut des Herrn Jesus Christus. Mit ihr und einigen Frauen wagte der Pfarrer eine Bibelstunde, aus der dann 1907 die erste Gemeinschaftsstunde im Haus der Christina Schell hervorging. Der Clou: Die Ehebrecherin, die durch ihre Arbeit in viele Häuser kam, wurde zur Evangelistin, die manche zerbrechende Ehe kittete. Sie, die vier uneheliche Kinder hatte, sammelte Kinder um sich, denen sie von Jesus erzählte. Zwei ihrer Töchter wurden Diakonissen. Fazit: Die Ermahnung eines von Gottes Geist bevollmächtigten Mannes legte den Grund für die Erweckung in Dombühl.

Wieder anders hat es sich in Oberfranken zugetragen. Die Frage nach dem wahren Sinn des Lebens veranlasste Menschen in vielen Dörfern Oberfrankens, den Diakon Karl Weckerle zu rufen, wie einst bei der Nachterscheinung in der Stadt Troas der Apostel Paulus gerufen wurde: ‚Komm herüber und hilf uns!‘ (Apg.16,9). Der Diakon legte weite Wege zu Fuß zurück und scheute nicht Sonne, Wind und Wetter. Durch seine einfache, volksnahe Verkündigung des Evangeliums kamen viele Menschen zum Glauben. Wie eine Epidemie verbreitete sich in weiten Landstrichen Gottes frohe Botschaft und führte zur Gründung von weit über 100 Gemeinschaften. Aus den wenigen Beispielen wird eines deutlich: Die geistlichen Aufbrüche in unserer Region, die zur Gemeinschaftsbewegung führten, waren nicht ein Erfolg multiplizierter, zwanghafter Gebete um Erweckung. Der Verursacher dieser Bewegung war Gott selbst. In der Fantasie seiner Liebe war er nicht auf eine einzige Methode angewiesen. Einmal benutzte er die Krankheit einer Frau, ein anderes Mal die Befreiung einer in schwerste moralischer Schuld verstrickten Näherin, dann wieder waren es einzelne Menschen, die er mit ganz unterschiedlichen Gaben ausstattete und wegen ihres Glaubens zum Dienst gebrauchte. Auch wir möchten die uns anvertrauten Gaben nicht brach liegen lassen, sondern praktizieren – und Gott dabei viel zutrauen.
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