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Glaube und öffentliche Verantwortung
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Ausgabe Oktober / November 2009 - Dr. Günther Beckstein, MdL, Nürnberg
Die Frage, ob Glaube und öffentliche Verantwortung zusammenpassen, ist mir wohl vertraut. Gern möchte ich sie rundheraus bejahen! Seit jeher bemühe ich mich darum, bewusst aus dem Glauben heraus zu handeln. Gewiss kenne ich viele Frauen und Männer, die auf hervorragende Weise ihrer jeweiligen Verantwortung gerecht werden, ohne im christlichen Sinne gläubig zu sein.
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Ich achte sie hoch und arbeite gern mit ihnen zusammen, wenn es sich ergibt. Aber was mich betrifft, kann ich mir Verantwortung ohne Glauben nicht vorstellen. Ich räume allerdings ein: Es fällt mir eigentlich überhaupt schwer, mir Leben und Handeln ohne Glauben vorzustellen. Für mich ist der Glaube das Fundament, auf dem ich stehe, und die Kraft, aus der ich schöpfe. Dieses Fundament hat sich als unerschütterlich erwiesen in den verschiedensten, mitunter durchaus „bewegenden“ Situationen meiner bisherigen Laufbahn, und ich will ihm gern die Treue halten.
Trennen zwischen dem, was des Kaisers und was Gottes ist Natürlich kennen wir das Wort „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. In der Tradition von Martin Luther trennen die evangelischen Christen grundsätzlich deutlich zwischen dem, was des Kaisers ist, und dem, was Gottes ist. Mit Luther wissen wir, dass kein menschliches Handeln, auch kein richtiges und gutes, uns der Erlösung, dem Heil, der Vergebung der Sünden näher bringt.
Das schließt auch die Überlegung aus, durch besonders umsichtiges politisches Handeln vor Gott „glänzen“, am Ende gar „Punkte sammeln“ zu wollen. Es ist eher umgekehrt: Ein Christ wird Verantwortung übernehmen, um die Gaben, die er von Gott empfangen hat, zum Wohl der Mitmenschen, seines Landes oder seiner Überzeugungen einzusetzen. Dieser Dienst des Christen will nicht Ansprüche erwerben, sondern Dank ausdrücken und Nächstenliebe üben.
Frei ist dieser Dienst auch vom Anspruch, in weltlichen Fragen einer höheren Einsicht zu folgen. Was der christliche Glaube im täglichen Leben und im politischen Handeln zu geben vermag – das sind: Ansporn, Zuversicht und nicht zuletzt die Kraft, das Gegenüber, selbst den politischen Gegner, als einen von Gott geliebten Mitmenschen wahrzunehmen. Was der Glaube dagegen nicht zu geben vermag, ist Auskunft etwa zur ultimativen Ausgestaltung des Rauchverbots in bayerischen Gaststätten. Insofern hat Ludwig Thoma für den Münchner im Himmel einen sehr weisen Schluss gefunden, als er den Engel Aloysius seinen Botengang zur Bayerischen Staatsregierung im Hofbräuhaus unterbrechen und beenden lässt.
Soll man für seine Ansichten überzeitliche Werte in Anspruch nehmen? Freilich bin ich in den langen Jahren meiner Laufbahn immer wieder Menschen begegnet, die für ihre durchaus weltlichen Ansichten gern überzeitliche Werte in Anspruch nahmen. Wenn ich mit diesen Damen und Herren diskutierte, war eine Verständigung manchmal schwierig, denn sie betonten, nicht aus banalen Sacherwägungen für diesen oder jenen Standpunkt einzutreten, sondern aus „moralischen“ Gründen. Damit wechselten sie von der Frage nach „richtig oder falsch?“ zur Frage nach „gut oder böse?“ Das ist aber nicht die Begrifflichkeit, in der man sich bewegen sollte, wenn man in einer demokratischen Ordnung über politische Inhalte nachdenkt. Als Demokrat achte ich den Gesprächspartner, der meine Ansicht nicht teilt. Wer einen Andersdenkenden dagegen als einen tendenziell „bösen“ Menschen diffamiert, als verstockten Sünder oder, beispielsweise, als „Büttel des Kapitals“, ist kein Demokrat und vermutlich wohl auch kein Christ.
Nun habe ich großen Respekt vor Menschen, die aus moralischen Gründen etwas tun. Aber mein Respekt hält sich in Grenzen, wenn das moralische Gewand, in das sich jemand hüllt, durchsichtig ist. Und das ist es häufig! Manchmal habe ich den Eindruck, dass die moralische Rede und das moralische Handeln einander nur selten begegnen. Wenn man schon grundsätzlich gut beraten ist, nicht jede Äußerung zum Nennwert zu nehmen, gilt das bei Äußerungen, die moralisches Pathos verströmen, in besonderem Maße. In ganz besonderem Maße gilt das für die Damen und Herren, die den christlichen Glauben ins Feld führen, um weltliche Ziele zu verfolgen. Moral, die sich in diesem Sinne „lohnt“, ist suspekt!
Verantwortung vor Gott und Menschen Als Lutheraner neigen wir dazu, beim Beten nicht viele Worte zu machen. Der Gedanke der zweifachen Verantwortung – vor Gott und vor den Menschen – ist uns geläufig. Die Gebote zu halten und den Nächsten zu lieben, das ist die Forderung, die uns Jesus stellt. Diese Forderung ist einfach zu begreifen und schwierig zu erfüllen – das weiß jeder. Und wir wissen auch: Es ist unsere menschliche Natur, die uns zu schaffen macht, nicht unsere Laufbahn und nicht die Verantwortung.
Das Wunderbare am Glauben aber ist: Obwohl wir unzulänglich sind, können wir mutig und im Vertrauen auf die Gnade Gottes tätig werden. Das meint Jesus, wenn er den Psalm 118 zitiert: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.“
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