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Stille finden im Alltag – Inseln der Stille schaffen
Ausgabe Februar / März 2010 - Diakonisse S. Evelyn Dluzak, Predigerin in Weißenburg

Das Thema gefällt mir auf Anhieb, es ist mein Thema. Ganz besonders, seit ich als Gemeinschaftspredigerin im Bezirk Weißenburg wieder die meiste Zeit alleine lebe und nicht mehr ganz selbstverständlich an die „Inseln der Stille“ im Mutterhaus gespült werde.
In der Diakonie-Gemeinschaft ist es leicht, da gibt es die Morgenandacht, das Mittagslob, verschiedene Möglichkeiten des Abendgebetes. Es gibt den Wochenschluss am Samstagabend. Der Raum der Stille steht zur Verfügung und ich kann mich mit Schwestern zum gemeinsamen Gebet verabreden.

Im Bezirk ist es anders, schon weil neben dem Dienst auch das „ganz normale Leben“ gelebt und organisiert sein will. Da deckt mir keiner den Tisch. Da kocht niemand für mich. Ganz normales Leben also, wie es ganz selbstverständlich ist für Sie. Eine Spezialität noch: ich schreibe aus der Perspektive einer alleinlebenden Frau ohne Kinder. Sicher verschafft mir das mehr Freiräume als sie jemand hat, der von der Familie umgeben und gefordert ist.

Vom „Finden“ und vom „Schaffen“ ist die Rede in der Überschrift.

1. Finden
Es gibt sie, die Zeiten der Stille im Wochenablauf, z.B. ein wohltuender Sonntagsgottesdienst, in dem ich mich geborgen weiß in der guten Nähe des barmherzigen Gottes. Da genieße ich die Musik, freue mich an den Liedern, berge ich mich in Bibelworten und Gebeten. Oder eine inspirierende Runde in der Gemeinde, wo wir wirklich und wahr miteinander ins Gespräch und vor Gott kommen. Oder ein Spaziergang, auf dem ich wie zum ersten Mal die Vielfalt und Schönheit der Werke Gottes in mich aufnehme und den Schöpfer lobe. Das sind Inseln der Stille, wo ich vor Gott Atem holen kann. Sie gilt es zu pflegen und ein zu üben. Sie sollen nicht die Ausnahme sein, sondern mir in Fleisch und Blut übergehen. Der Hebräerbrief (Hebr 5,14) weiß etwas von „durch steten Gebrauch geübte Sinne“.

Als Bibelleser, Christenmenschen und Menschen mit Lebenserfahrung wissen wir: es gibt auch starke Strömungen, die uns von der Stille wegziehen. Die Arbeit, die Mitarbeit in der Gemeinde, die Familie, die Verpflichtungen. Und was meist zuerst darunter leidet, ist die Stille, das Leben mit Gott. Nicht an der Arbeit, nicht an den Verpflichtungen wird gespart, wenn das Alltagsmeer braust, sondern an der Stille. Das merkt ja keiner – so meinen wir. Und auch wir selber merken es nicht sofort. Aber wenn wir es merken, dann ist es oft schon spät. Also lautet der Auftrag an einen verantwortungsvollen Christenmenschen: „Inseln der Stille schaffen“. Dabei geht es ums Einüben, damit diese Inseln nichts Besonderes, nichts Außergewöhnliches sind, sondern immer gefunden werden, auch wenn es um uns stürmt und tost.

2. Inseln der Stille schaffen
Dem Tag eine Struktur geben. Sie wissen es und die Lektüre der Bibel macht es uns immer wieder klar: der Tag beginnt nicht mit dem Klingeln des Weckes am Morgen. Der neue Tag beginnt mit dem Schlafengehen am Abend zuvor.
  • Das bedeutet, nicht einfach todmüde vom Fernsehsessel, dem Computer oder den Einweckgläsern direkt ins Bett zu stolpern. Sondern ich halte noch einmal kurz inne und lasse den Tag an mir vorüber ziehen. Was gab es da? Wer ist mir begegnet? Was ist gelungen: Danke, lieber Vater im Himmel! Was ist misslungen? Danke, dass ich das abgeben kann und nicht in den neuen Tag schleppen muss. Wo hat Gott mich heute „umarmt“? D.h. wo ist er mir durch freudiges, aber auch durch leidvolles Geschehen ganz nahe gekommen? Ich darf einen Tag in Gottes Hände zurück legen.
  • Der Morgen: Es ist ja nicht nur das Getriebe, das Gehetze, die Anforderungen, die auf mich warten. Gott selber erwartet mich schon, wenn ich meine Augen aufschlage. Ich will ihm „guten Morgen“ sagen. Ob das eine „Stille Zeit“ sein kann oder ob es die Kompaktversion in Form von Losung und Lehrtext ist, das hängt von ihrem Lebensrhythmus und ihren Hausgenossen ab. Manche besorgen sich die Losungen im Karteikasten, und kleben das Wort für den Tag an die Kühlschranktür oder stecken es in den Geldbeutel. Da kann ich immer wieder drauf schauen und es in mir Wurzeln schlagen lassen.
  • Der Vormittag stellt mir die Frage: Wem gehöre ich? Gehöre ich der Arbeit, der Familie, gehöre ich mir? Ich gehöre Gott! Und wie kommt das zum Ausdruck? Ich lebe in einer Gegend, die das „Elf-Uhr-Läuten“ kennt. Sobald ich es höre, unterbreche ich meine Tätigkeit und spreche das bekannte Friedensgebet: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unsern Zeiten. Es ist ja doch kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du unser Gott alleine“ Kein großer Aufwand und doch ist es ein kurzes Atemholen in der Ewigkeit, in der Nähe Gottes.
Sie gehören zu den Menschen, die das Geschenk des Körpers entdeckt haben und sich ab und zu durch Bewegung Gutes tun? Von Inspektor Dietmar Kamlah (Stuttgart) habe ich das „spiritual walkig“ übernommen. Sie können es auch einfach „Spaziergang mit Gott“ nennen. Klingt gut - tut gut und ist denkbar einfach. Wie geht’s? Ich gehe zügig eine Strecke und gebe einem bestimmten Abschnitt eine kleine „Liturgie“. Z.B
  • Ich stelle mich ausdrücklich in die Gegenwart des dreieinigen Gottes, indem ich spreche: „Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“
  • Ich spreche das Glaubensbekenntnis – auf dieser Grundlage stehe ich.
  • Ich spreche das Vaterunser – die Worte, die Jesus seinen Leuten gegeben hat, bis er wiederkommt.
  • Ich spreche einen Psalm (z.B. Psalm 23, 103)
  • Ich begebe mich in die Heilslinie Gottes, der zu seinen Verheißungen steht.
  • Ich singe ein Loblied – ob von Paul Gerhardt oder Albert Frey, das ist egal. Hauptsache, ich gebe dem Schöpfer damit die Ehre.
  • Ich ende mit einem kräftigen „Amen“ – so ist es! – auch wenn der Alltag oft eine andere Sprache zu sprechen scheint.
Haben Sie eine Insel gefunden, die Ihnen entspricht? Oder haben Sie eine Anregung bekommen? Vielleicht entdecken Sie ja neue Inseln in Ihrem Alltag.

Ich habe nicht über Musik gesprochen, nicht über die regelmäßige Bibellektüre. Ich habe nichts über die vielen guten Bücher gesagt, die auf dem Markt sind. Auch nichts über Tage der Stille im Gästehaus der Diakonie-Gemeinschaft. Das Angebot ist groß. Es geht nicht um die Fülle. Die Fülle erschlägt uns manchmal.

Es geht ums Einüben. Es geht darum, die eigene Form zu finden, sie ein zu üben, „durch steten Gebrauch geübte Sinne“ zu bekommen.
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