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Das richtige Maß finden
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Ausgabe April / Mai 2010 - Dr. Johannes Friedrich, Landesbischof
Selbst ist der Mann – selbst ist die Frau“, so hört man gerne aus dem Munde selbstbewusster Menschen. Meist sind es Personen, die gerne alles alleine in die Hand nehmen, denn was man selbst erledigt, das hat Hand und Fuß.
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„Auf mich selbst kann ich mich schließlich verlassen,“ so sagen sie. Mit dieser Einstellung hat man vielleicht alles selbst im Griff, unterliegt aber gegebenenfalls der Gefahr irgendwann die anstehenden Aufgaben nicht mehr bewältigen zu können.
Da passiert es schnell, dass das richtige Maß nicht mehr gegeben ist und die eigenen Aufgaben zum Stress und zur Belastung werden. Wenn man das Lebensmotto vertritt, „Ich schaffe das alles alleine“, dann setzt man sich ganz schnell unter Druck und steht auch unter dem Zwang alles alleine schaffen zu müssen, um es anderen und sich selbst zu beweisen.
Ich schaffe alles allein? Burnout ist oft die Folge von solch einem Verhalten. Ein regelrechtes „Ausgebrannt sein“, weil man immer mit Vollgas durchs Leben fährt ohne einmal innezuhalten, ohne sich die Zeit zum Auftanken zu gönnen. Dieses Gefühl, von Stress und Arbeit überholt zu werden, keine Zeit mehr zum Durchschnaufen und Atmen zu haben und dennoch alles alleine schaffen zu müssen, das ist nicht neu.
In der Bibel, im Buch Exodus im 18. Kapitel, begegnet uns eine Geschichte, die uns Mose als einen Menschen vor Augen führt, der auch mit Stress, Zeitmangel und Ausgebrannt sein zu kämpfen hatte. In dieser Erzählung wird berichtet wie Mose von morgens bis abends damit beschäftigt war, im Volk Israel Streitfälle zu schlichten, zu richten und Gottes Satzungen und Weisungen an die Menschen weiterzugeben. Moses Schwiegervater Jethro sieht die Situation „Das richtige Maß finden“ „ und erkennt, dass dieses alleinige Agieren seines Schwiegersohns nicht zielführend ist, weder für ihn noch für das Volk Israel.
Jethro spricht zu Mose: Es ist nicht gut, wie du das tust. Du machst dich zu müde, dazu auch das Volk, das mit dir ist. Das Geschäft ist dir zu schwer; du kannst es allein nicht ausrichten. Aber gehorche meiner Stimme; ich will dir raten, und Gott wird mit dir sein. Vertritt du das Volk vor Gott und bringe ihre Anliegen vor Gott und tu ihnen die Satzungen und Weisungen kund, dass du sie lehrest den Weg, auf dem sie wandeln, und die Werke, die sie tun sollen. Sieh dich aber unter dem ganzen Volk um nach redlichen Leuten, die Gott fürchten, wahrhaftig sind und dem ungerechten Gewinn feind. Die setze über sie als Oberste über tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn, dass sie das Volk allezeit richten. (Ex 18, 17-22).
Ein klarer Impuls zur Arbeitsteilung, den Jethro hier seinem Schwiegersohn gibt. Vielleicht war es im ersten Augenblick für Mose nicht ganz einfach, diesen Vorschlag Jethros anzunehmen. Schließlich wurde ja er beauftragt, das Volk zu führen und nicht ein anderer. Und so konnte Mose diese Aufgabe doch nicht einfach delegieren. Doch dadurch, dass Mose versuchte nahezu alles alleine zu bewältigen, ist ihm auch alles über den Kopf gewachsen. Er hatte nicht mehr das richtige Maß. Die eigenen Aufgaben und die Möglichkeit wieder neue Kraft zu schöpfen waren aus dem Gleichgewicht geraten. Wer weiß, vielleicht hätte auch ein Mose bald unter dem Burnout-Syndrom gelitten, wenn er nicht auf den Rat seines Schwiegervaters gehört hätte. Jethro sagt zu Mose: Wirst du das tun, so kannst du ausrichten, was dir Gott gebietet, und dies ganze Volk kann mit Frieden an seinen Ort kommen. Und Mose gehorchte dem Wort seines Schwiegervaters und tat alles, was er sagte. (Ex 18, 23-24)
Aufgaben teilen statt Gas geben Diese Geschichte zeigt mir eines sehr deutlich. Wenn die Aufgaben uns zu viel werden und über den Kopf wachsen, dann ist die Lösung nicht einfach noch einmal richtig Gas zu geben, sondern die Aufgaben mit anderen zu teilen, das eine oder andere auch einmal zu delegieren. Das fällt nicht immer leicht. Schließlich ist man ja verantwortungs- und pflichtbewusst. Vermutlich war es für Mose auch nicht ganz einfach dies umzusetzen. Er, der bis dahin gewohnt war fast alles alleine zu organisieren und zu bewältigen und der höchstens noch seine Geschwister Mirjam und Aaron in seine Aufgaben mit eingebunden hat. Aber Mose hat sich auf den Rat des Jethro eingelassen.
Diese Erzählung kann uns Mut geben auch einmal etwas abzugeben von unseren Aufgaben, bevor sie uns über den Kopf wachsen. Dies soll natürlich nicht dazu führen, dass man dann alles liegen und stehen lässt. Aber es kann uns den Mut geben auch einmal „Nein“ zu sagen oder andere um Unterstützung und Hilfe zu bitten, wenn man selbst nicht mehr mit allen Anforderungen zurecht kommt. Das ist kein Eingeständnis von Schwäche – im Gegenteil. Es gehört sehr viel Größe dazu, auch etwas von dem abzugeben, was man bisher ständig alleine zu bewältigen hatte.
Die Freiräume, die sich einem dann eröffnen, können dann ganz neu gefüllt werden, beispielsweise damit, einmal wieder richtig zur Ruhe zu kommen, sich Zeit für Stille und Bibellese zu gönnen, um auf das zu Hören, was Gott uns sagen möchte. Denn Gott will, dass sich unser Leben im Gleichgewicht befindet, zwischen Arbeit und Ruhe. So wünsche ich Ihnen, dass Sie immer wieder genügend Zeit finden, um durchzuschnaufen, Atem zu holen und auf Gottes Wort zu hören.
Dann wird es mit Gottes Hilfe gelingen das richtige Maß zwischen der Bewältigung unserer Aufgaben und der Erfüllung unserer Bedürfnisse zu finden und ein ausgeglichenes Leben zu führen.
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