Blickpunkt: Gunter, dieses Jahr wurde zum Jahr der Stille ernannt. Was bedeutet es für Dich, wenn es um Dich herum ganz ruhig wird?
Gunter Radke: Ich bin ein Mensch, der die Kontraste liebt. Ich bin gerne aktiv und kreativ und mag es wenn etwas los ist. Aber ich gehe gerne mal alleine in den Wald und bin froh, mal nichts zu hören und nichts zu sehen. Darauf kann ich mich gut einstellen. Seit ich Christ bin halte ich Stille aus – liebe sie sogar. Ich kann sie genießen. Kann die Natur Gottes wahrnehmen und weiß, dass ich nicht allein bin. Sonntags fällt es mir die Stille aber manchmal noch schwer. Das liegt etwas an den Erfahrungen in meiner Jugend, wo man nicht konnte, wie man wollte, weil sich viele am Sonntag zurückzogen. Man hatte den Eindruck jeder will für sich bleiben. Eingeladen wurde man wenig. Und kam so auch daheim nicht raus. Da habe ich Stille auch als eine Art Vakuum erlebt.
Blickpunkt: Wird Dir die Stille auch heute manchmal zu lang? Macht sich dann irgendwann Langeweile breit?
Gunter Radke: Nein, heute nicht mehr. Dafür bin ich zu kreativ und dafür schätze ich heute die Stille und die Zeit für Auseinandersetzungen mit Glauben und Gedanken zu sehr. Es fällt mir nicht immer leicht, aber ich enthalte mich heute gerade am Sonntag bewusst mancher Aktivitäten um mich am Tag des Herr nicht in vielerlei Aktivismus zu verlieren und ich spüre, wie gut es auch tut von meinen „Werken“ auszuruhen.
Blickpunkt: Für Dich ist Stille also etwas Wertvolles, aber kennst Du auch Situationen, in denen gilt: Stille unerwünscht?
Gunter Radke: Natürlich. Stille wird mir da zum Problem, wo alles still ist und ich müsste eigentlich etwas sagen. Oder wenn ich auf Antworten von Gott warte und keine bekomme ist Stille anstrengend – wenn man angestrengt in der Stille auf eine Antwort wartet und sie nicht kommt.
Blickpunkt: Du arbeitest mit jungen Menschen, die nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Kennst Du das von Deinen jungen Leuten, „Stille unerwünscht“?
Gunter Radke: Ja, das hört man oft zwischen den Zeilen. Das, was sie erzählen ist immerwährende Betriebsamkeit. Da gilt täglich die Devise: Heim und weg. Wenn sie hier aufbrechen, dann nicht um zu Hause anzukommen sondern um gleich wieder durchzustarten. Stille und sich selbst auszuhalten wäre für sie eine neue Lebenserfahrung. Das kennen die meisten so wenig, wie das Ankommen um zu Hause zu sein. Manche gehen zum Sport. In der Clique darf man nichts verpassen auch wenn es nur gemeinsam auf Sauftour geht. Langeweile wäre Konfrontation mit sich selbst und der bescheidenen Situation in der man ist. Ich wünsche ihnen oft die Erfahrung, die ich bei Jesus in der Stille mache, immer wieder neu beginnen zu können, wie ein Maler, der ein neues weißes Blatt bekommt. Stattdessen gleicht ihr Leben dem, der über sein ohnehin schon missratene Bild immer wieder drüberschmiert.
Blickpunkt: Weißt Du etwas, was Deine jungen Leute zur Stille bringt?
Gunter Radke: Echte Stille – nein, ich glaube, das kennen sie nicht. Und das macht mir oft Angst. Ich frage mich täglich neu, wie ich ihnen da eine Hilfe sein kann. Die Zeit ist kurz und die Menschen sind so wertvoll, aber mir scheint, es sind wenige, die diese Not sich etwas angehen lassen – für diese jungen Leute beten. Hier wünschte ich mir mehr Verbündete im Hintergrund, weil man wirklich merkt, dass wir es mit Mächten und Gewalten zu tun haben. Und diese jungen Menschen nicht einfach von heute auf morgen umdenken können. Aber von Gottes Verheißungen her ist nicht auszudenken, welches Umdenken möglich ist, wenn wir uns im Gebet für diese jungen Menschen verbünden.
Blickpunkt: Vielen Dank, für das Gespräch, Gunter.
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