Botschafter der Versöhnung

Ausgabe März / April / Mai 2018  -  Alexander Pauli, Hersbruck

„Einladend leben - Was strahlen Christen aus?“ Ich bin aus eigener Erfahrung der Überzeugung, dass unser Selbst- und Auftragsverständnis, wer wir als Christen sind und was wir zu tun haben, stark prägt, was wir ausstrahlen.

„Steuerfahnder“
Als Kind der Gemeinschaftsbewegung hatte ich zunächst eine Prägung erfahren, die mich wenig einladend wirken ließ und mir die Ausstrahlung der Steuerfahndung verlieh. Eine Grundüberzeugung lautete in etwa: Damit die Ungläubigen sich bekehren, müssen wir Christen ihnen begreiflich machen, dass sie in Sünde leben. Denn solange sie ihr Problem nicht kennen, werden sie auch keine Lösung wollen. Die Folge war, dass ich bei meinen ungläubigen Gesprächspartnern immerzu und unaufgefordert auf ihre Lebensdefizite zu sprechen kam. Ich begann Diskussionen über weltanschauliche Meinungen in denen nach meiner Einschätzung deutlich wurde, wie weit entfernt das Denken dieser Menschen von Gottes Sicht der Dinge war. So schien es ganz einfach, ihnen begreiflich zu machen, dass sie ein Problem mit Gott hatten. Dadurch ergab sich die Möglichkeit zu erklären, wie sie Gott versöhnlich stimmen konnten, der zu Recht zornig war - nämlich indem sie gläubig würden. Das hieß nicht mehr, als dass sie möglichst jetzt ein für sie komplettes neues Weltbild zu ihrer Überzeugung machten und von nun an alles daran setzten mit ihrem Verhalten Gottes Maßstäben zu entsprechen – ganz gleich, wie groß die Kluft sein mochte, die zwischen diesem Ideal und ihrem bisherigen Leben lag. Die im Rückblick wenig erstaunliche Erfahrung war, dass diese Ungläubigen angesichts dieser Botschaften bei mir das Gefühl hinterließen, immer ungläubiger zu werden und sich trotz allem für keine Lösung zu interessieren. Als Ursache all dessen verstand ich weder meine wenig einladende Art, noch meine Ausstrahlung, sondern allein den Unwillen der Menschen.

Heute würde ich sagen, dass in der gerade geschilderten Sichtweise so ziemlich alles auf dem Kopf steht, was nur denkbar ist. Ich „verkaufte“ den Glauben als ein Werk, mit dem Gott versöhnlich gestimmt werden sollte. Die Botschaft die uns auf- getragen ist, ist jedoch das genaue Gegenteil und vermag es Glauben zu wecken, der darin besteht etwas zu empfangen und nicht darin etwas bringen zu müssen.

In 2. Korinther 5,17-21 steht (Luther 2017): Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Botschafter der Anklage?
Unsere Botschaft der Versöhnung lautet nicht: Versöhnt Gott dadurch, dass ihr gläubig werdet! Sondern: Lasst euch versöhnen mit Gott! Darin besteht der Glaube, dass jemand seine Unversöhnlichkeit aufgibt, wie auch immer sie im Detail aussehen mag. Der Eine lebt auf Distanz, weil er schlechte Erfahrungen mit seinem leiblichen Vater machte und diese nun auf Gott projiziert. Ein Anderer hat kein Vertrauen in die unberechenbare Hilfe Gottes und tut alles um sich selbst zu helfen. Ein Dritter verachtet Gott womöglich, weil ihn Christen und ihr Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen von heute verrückt und wütend macht. Ein Weiterer wurde vielleicht von Christen verletzt, missbraucht oder verachtet. Wieder ein Anderer hat möglicherweise großes Unglück erlebt und hält Gott – wenn er seine Existenz überhaupt in Betracht zieht – für ein Monstrum. Es gibt unzählige Gründe dafür, dass Menschen mit Gott nicht versöhnt sind.

Das große Wunder, dessen Zeugen wir sind, besteht darin, dass wir nicht Botschafter der Anklage und Verurteilung sind, sondern Botschafter dafür, dass Christus uns mit sich versöhnt hat, als wir noch Feinde waren (Röm 5,10) und, dass diese Absicht Gottes für jeden Menschen gilt. Wir bitten unsere Mitmenschen, dass sie sich versöhnen lassen. Wir bitten, weil man es keinem Menschen erfolgreich befehlen kann. Wir bitten, weil Gott bittet, weil es sein Wunsch ist, dass Menschen von der Angst, dem Aufruhr, dem Misstrauen, dem Hass ihm gegenüber frei werden. Da ist keine Botschaft der Anklage, sondern des Freispruchs: wie bei der Sünderin, die Jesu Füße salbte (Lk 7,36-50). Oder bei dem Mann, der ihm durch ein Loch im Dach zu Füßen gelegt wurde (Lk 5,17-26). Dem Blindgeborenen, der Jesu Jünger ganz selbstverständlich annehmen ließ, dass er selbst oder seine Eltern gesündigt hätten (Joh 9,2). Oder der Ehebrecherin, deren Steinigung zur Debatte stand (Joh 8,11). Dem Verbrecher am Kreuz, der nicht mehr aufzuweisen hatte als die Einsicht, dass er zu Recht bestraft wird und den Wunsch im Reich Gottes sein zu dürfen oder selbst diejenigen, die Jesus kreuzigten und für die er seinen Vater bat ihnen zu vergeben (beides Lk 23,32-43).

In Jesus ist keine Botschaft der Ablehnung und Distanzierung, sondern der Annahme und Gemeinschaft, wie bei Levi und Zachäus – beides Zöllner und damit in den Augen ihres Volkes Verräter. Darüber hinaus viele andere Leute, die als Sünder verschrien waren oder zumindest zum Teil als von Gott bestraft, nicht für gemeinschafts- fähig oder schlicht unwürdig galten, wie Aussätzige, Behinderte oder auch einfach Kinder, Frauen oder Angehörige unbeliebter Volksgruppen.

Wir müssen aufpassen, dass wir den Umgangston, den Jesus zuweilen mit den Pharisäern pflegte, nicht zum Grundton unseres Umgangs mit unseren Mitmenschen ohne christliches Bekenntnis machen. Denn damit würden wir etwas ganz anderes tun als Jesus. Die Pharisäer waren ja nicht die Ungläubigen, sondern vielmehr die Frommen mit der größten Gewissheit dazu zu gehören und mit ihrer Frömmigkeit mehr als die Anderen Gottes Willen zu entsprechen. Was Jesus ihnen gegenüber so harsch macht, wird in Matthäus 23,13 deutlich: „Weh euch Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zu- schließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein, und die hinein wollen, lasst ihr nicht hin- eingehen.“

Jesus ist aufgebracht über diese Selbstgerechtigkeit, die sich selbst zum Maßstab macht – oder ehrlicher gesagt, seine Ideale, denen man selbst nicht gerecht wird. Jesus entsetzt sich über die Anmaßung, anderen einen Splitter aus dem Auge entfernen zu wollen, während man selbst einen Balken darin stecken hat. Es ist die Vermessenheit zu beurteilen und sich selbst zu Türstehern des Reiches Gottes zu ernennen.

Das ist ein Fehlweg auf dem ich mich einst selbst ertappt habe. Ich wähnte mich im Reich Gottes und meinte darum meine Ansichten und meinen Lebensentwurf zum Modell für einen Glauben machen zu können, der von Gott Anerkennung in Form von Gnade fand. Dabei ist es doch immer anders herum. Der Glaube ist nicht Auslöser der Gnade Gottes, sondern Reaktion auf die gnädige Versöhnungsbereitschaft Gottes.

Es ist alles getan!
Das Gewinnende am Tod Christi am Kreuz ist nicht zuerst die Erfüllung von Opfervorschriften. Das ist theologisch interessant und hat eine innere Logik, die den interessierten Bibelleser irgendwann einmal packt. Aber was Menschen gewinnt, die gar nicht mit dem Anspruch leben, solche Vorschriften zu erfüllen, ist die Haltung die Jesus in seinem Gang ans Kreuz zum Ausdruck gebracht hat. Gottes Versöhnungswille ist so übermächtig, dass er uns nicht vorwirft Schuld zu sein am Bruch zwischen sich und uns, sondern alle Schuld auf sich nimmt. Den Gerechten macht er zum Sündenbock. Er nimmt alles aus dem Weg was uns von ihm trennt.

Und da ist noch eine Ebene des Verstehens im Gang Jesu ans Kreuz. Er lässt sich von uns misshandeln. Er wird zu Unrecht als Übeltäter von den Menschen gerichtet, bestraft, verschmäht, ausgegrenzt und zur Gegenwehr angestachelt. Aber Jesus lässt sich trotz seiner grenzenlosen Macht lieber auf das Schlimmste erniedrigen, als uns Geliebten auch nur ein Haar zu krümmen und tatsächlich zum Täter zu werden. Er gibt uns nicht den geringsten Anlass, der uns vermuten ließe, er könne gegen uns sein. Nein, Jesus ist ganz und gar für uns und das selbst in diesem Kulminationspunkt des Hasses, der Ungerechtigkeit und der Blindheit gegenüber Gott, den das Geschehen am Kreuz darstellt. Gottes will uns versöhnen - unbedingt!

Und darum können wir Botschafter der Versöhnung für unsere Mitmenschen sein. Wir bitten an Christi statt: „Lasst euch versöhnen mit Gott.“ Die Näherbestimmung dieses Versöhnungsgeschehens besteht eben nicht darin zu sagen, was alles zu tun ist, sondern zu sagen: „Es ist alles getan! Glaube nur! Vertraue Jesus. Sieh, wie er die Menschen annahm, Gemeinschaft mit ihnen pflegte, wie er selbst dann noch versuchte sie zu gewinnen, als sie ihm das Leben nahmen indem er Gott den Vater in dem Moment um Vergebung für ihre Sünden an- flehte, als sie das größte Vergehen der Weltgeschichte vollbrachten: Mit unversöhnlichen Herzen voller Hass und Abscheu folterten sie Gottes einzigen und geliebten Sohn zu Tode oder ergötzten sich daran.“

Die Botschaft, die uns aufgegeben ist, hat die Ausstrahlung einer herzlichen Einladung, der bedingungslosen Annahme und der Liebe selbst. Das soll nicht heißen, dass wir nicht über Sünde, das Böse, Buße und Umkehr reden dürfen. Aber wir müssen uns klarmachen, dass bei unseren Mitmenschen ganz schnell das Gefühl aufkommen wird, angeklagt zu werden und sich rechtfertigen zu müssen, wenn diese Themen der Anfang und die Mitte unserer Rede über unseren Gott und unseren Glauben sind. Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, dass ein Gespräch in dem es um unser Versagen geht uns mehr oder weniger automatisch in die Ecke drängt, uns eine Verteidigungshaltung einnehmen lässt und wir der Aufforderung unsere Schuld einzugestehen nicht gerne nachkommen. Die Bitte um Entschuldigung und ein bußfertiges Herz, kommen, wenn überhaupt, nur schwer und widerwillig, wenn Andere uns die Notwendigkeit eintrichtern wollen. Wenn ich hingegen selbst zu der Erkenntnis komme, dass ich jemandem Unrecht getan habe und ich meine niederen Beweggründe einsehe, wird mir eine Entschuldigung und eine Bitte um Vergebung leichter über die Lippen kommen und eine andere Qualität haben.

Schon allein deshalb, weil diese Verhaltensmuster bei uns Menschen so typisch sind, plädiere ich dafür, dass wir es neu einüben vermehrt über die Güte unseres Gottes zu sprechen, statt unsere Mitmenschen unter Zugzwang zu setzen, indem wir die Unvereinbarkeit ihres bisherigen Lebens mit Gott zum Thema erheben. Solange ein Mensch nicht an Gott glaubt, wird er stets das Gefühl haben, sich vor uns und unseren Ansichten rechtfertigen zu müssen und er wird sich zu Recht fragen, weshalb er das ausgerechnet uns schuldig sein sollte. Solch ein Gefühl beendet ein gutes Gespräch über den Glauben noch bevor es richtig begonnen hat. Wer aber die gute Botschaft hört, dass Gott auf Versöhnung hofft und alle Anklage fallen lässt, der mag vielleicht verblüfft hinhören, sich ordentlich wundern und sich mit Gott versöhnen lassen.