Hochbegabt und doch nicht brauchbar!?

Ausgabe Juni/ Juli 2012 - Bernd Günther, Fraureuth

Wir Christen sind, wie Jesus es seinen Jüngern sagt „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“ (Joh 17,11-15). Dieses „in der Welt sein“ hinterlässt seine Spuren auch im geistlichen Leben.

Wenn wir in die Welt sehen, können wir zu unserem Thema „Gaben“ vielleicht zwei interessante Tendenzen unserer Zeit entdecken.

  1. Die Werte der Moderne/Industriegesellschaft und der Postmoderne sind nach dem Politologen Ronald Inglehart unterschiedlich ausgeprägt. In der Moderne (Vorkriegs- und Nachkriegszeit, Wirtschaftskrise) waren Werte wie Fleiß, Karriere, Disziplin, Mut, Leistung, Strebsamkeit, Enthaltsamkeit, Anpassungsbereitschaft wichtig, um Sicherheit und einen gewissen Wohlstand zu erlangen. In unserer postmodernen wohlhabenden Gesellschaft sind wir mehr von Werten wie Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Glück, Lebensqualität, Selbstdarstellung, Emanzipation, Partizipation und Genuss geprägt. Der gewisse Wohlstand lässt uns weg vom (Über) Lebenskampf zur Lebensgestaltung kommen. Dabei geht es dann um unseren Individualismus, das Ausleben unserer Veranlagungen und Wünsche, um das Vergleichen und den Kampf um die Poolposition.

    Das färbt, wenn wir ehrlich sind, auch auf uns Christen ab. Wie wichtig ist es uns, anerkannt und bewundert zu werden. Es steckt tief in uns drin, dass unser ICH aufs Podest gehoben wird. Vielleicht ist es der Virus aus 1.Mo. 3,4f, der da in uns wirkt: „Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

  2. Es ist eine andere interessante Entwicklung in den Medien zu sehen, nämlich eine Verschiebung von den Einzelkämpfern und Helden hin zu den Teamplayern. Die Devise lautet: Gemeinsam sind wir stark. Auch in führenden Firmen wird das Team, das WIR immer mehr hofiert. Hier wird aus dem Einzel-Ego das Gruppen-Ego, das wesentlich effizienter und stärker ist. Es bietet Schutz, Partizipation (Einbindung) und Ergänzung.

Beide Tendenzen haben etwas Wahres und etwas Zerstörendes in sich. Wahr ist, dass jeder Mensch einmalig und wertvoll ist. Zerstörerisch ist aber, wenn wir uns gegenseitig niedermachen, um besser da zu stehen. Wahr ist, dass wir Menschen die Gruppe brauchen und sie bereichern, indem wir uns einbringen. Aber wo wir als Gruppe zu Zerstörern werden, haben wir das Potenzial zum Teuflischen.

Interessant ist, dass wir diese beiden Tendenzen im Korintherbrief für uns zum Spiegel wiederfinden. Sowohl das Gruppenego, als auch das Individualego wirken auf die Gemeinde und zerstören sie. Da sind die Gruppen, die sich gegenseitig diffamieren und ausspielen (1.Kor. 1,10- 13; 3,1-8), da sind die „besonders“ Begabten, die sich über die „Normalos“ überheben (1.Kor 12-14). Übrigens sind die Kapitel 12-14 im 1. Korintherbrief nie voneinander losgelöst zu lesen, sondern Kap. 12 ist das Thema, Kap. 13 die Antwort und Kap. 14 die praktische Anwendung.

Wenn es also um unsere Gaben geht sollen wir uns folgendes einprägen und praktizieren:

  1. Es ist kein Christ so unbegabt, dass er sich nicht einbringen kann. Jedes Körperteil hat (s)eine Aufgabe. Jede Gabe, ob natürlich oder übernatürlich, muss in die Gemeinde eingebracht werden. Als Körperteil/Mitglied muss er das sogar, sonst stirbt er langsam (geistlich) ab. Was nicht bewegt wird schwindet, bis es verschwindet! Deshalb ist es wichtig, einander Mut zu machen, sich einzubringen und wert zu schätzen.
  2. Gaben sind allumfassend zu verstehen: in materieller, körperlicher, seelischer, geistiger und geistlicher Art.
  3. Gaben sind unterschiedlich verteilt: Schon daraus ergibt sich, dass Gaben keine Wertung sind und bestimmte Gaben keinen besonderen geistlichen Status anzeigen! Deshalb kann ich froh und dankbar mit den Gaben leben, die Gott mir gegeben hat. Ich habe sie erwartungsvoll einzusetzen.
  4. Gaben sind kein Selbstzweck: Sie dienen nicht in erster Linie dem eigenen Aufbau, sondern dem Aufbau der Nächsten und der Gemeinde (1.Kor. 12,7.25.26; 14,4.12.26). Dabei ist jeder Christ auf Ergänzung angewiesen.
  5. Gaben sind keine Wertung: Paulus macht deutlich, dass Gaben nicht miteinander verglichen und bewertet werden können. Die unscheinbarsten Gaben sind oftmals so wichtig! Gaben sind nicht gleichartig, sondern gleichwertig und gleichwichtig. Deshalb entdeckt die unterschiedlichen Gaben und dankt Jesus für jeden einzelnen von euch!
  6. Gaben machen mich verantwortlich: Da ich nicht der Ursprung meiner Gaben bin und Gott sie mir gab, bin ich ihm verantwortlich (Matt. 25,14ff; Röm. 12,3ff; 1.Petr. 4,10ff)
  7. Gaben können, den Aufgaben entsprechend, auch zeitlich begrenzt sein. Das heißt aus der Praxis heraus, dass mir eine Gabe (z.B. Krankenheilung) auch wieder genommen werden kann, ohne dass ich geistlich wertloser (oder schuldig) bin. Aus der zentralen Stellung von 1.Kor. 13 ist mir als das Bewertungskriterium für den Einsatz von Gaben der letzte Punkt extrem wichtig:
  8. Gaben sind den Früchten unterzuordnen: Paulus zeigt im Gabenstreit den köstlicheren Weg (1.Kor. 13), den Weg, der richtig gut ist. Liebe (Agape) ist der Weg – langmütig – freundlich – nicht eifersüchtig – nicht prahlerisch – nicht taktlos – nicht eigensüchtig – nicht aufbrausend – nichts Böses im Sinn – duldet nichts Ungerechtes! Liebet die Wahrheit – sie hält aus, sie glaubt, sie hofft (! Glaube, Hoffnung, Liebe !) – Gal. 5,22f wird die Liebe noch weiter beschrieben (Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Zucht/Selbstbeherrschung). Im Gegensatz zu den Gaben, die unterschiedlich verteilt werden können, sind die Früchte das eigentliche Wertungskriterium wirklichen Christseins (Matth. 3,10; 7,12-23; 12,33ff; 21,18ff; Joh. 15,1ff).

In diesem Sinne: Lasst uns aufeinander Acht haben und uns „anreizen“ zur Liebe und zu guten Werken. (Hebr. 10,24)

Bernd Günther, Fraureuth