Aus Gottes Hand

Ausgabe Oktober / November 2016 -  Tobias Wagner, Würzburg

Eine Insel der Güte und Freundlichkeit
Ich besuche das Evangelische Wohnstift St. Paul in Würzburg- Heidingsfeld. Ich möchte zwei Schwestern aus unserer LKG interviewen: Ilse Schranner und Hedwig Müller.

Beide werden in den kommenden Wochen ihren 90. Geburtstag feiern. Beide haben ein Leben mit allen Höhen und Tiefen hinter sich, wie so viele ihrer Generation: Kindheit in der Weimarer Republik und Weltwirtschaftskrise, Jugend im Dritten Reich und dann den Wiederaufbau. Jetzt im neuen Jahrtausend sind sie, trotz ihres hohen Alters, noch präsent in der LKG und aktiv in ihrem persönlichen Umfeld engagiert. Sie nehmen dankbar jeden Tag aus Gottes Hand, so dass sie mir gleich als Interviewpartner zum Thema „persönliches Glück und Dankbarkeit“ in den Sinn kamen. Nicht weil sie so viel persönliches Glück erlebt haben, sondern weil sie trotz allem, was sie in ihrem Leben meistern mussten, dankbar und glücklich in ihrem Heiland geblieben sind. So sitze ich da, mit meinen schlauen acht Fragen, und merke, dass sie nicht richtig taugen, um die Erkenntnisse und Weisheit der beiden Damen zu fassen. Die Fragen werden eher knapp beantwortet, dazwischen aber sprudeln ihre Erfahrungen mit Gott aus ihnen heraus, die sie zu den Menschen gemacht haben, die sie heute sind.

Zuerst besuche ich Frau Schranner. Mitten im Pflegebereich wohnend, wirkt ihr Zimmer wie eine Insel der Güte, Freundlichkeit und Beständigkeit in all der Einsamkeit und dem Leid, welches das Leben und „auf das Sterben warten“ in einem Altersheim im Jahre 2016 mit sich bringen kann. Während ich auf einem antiken Schreibtischstuhl Platz nehme, sitzt sie mir in einem gemütlichen Sessel gegenüber. Und bevor ich auch nur eine meiner Fragen stellen kann, sprudelt es aus ihr heraus: Wie „reich an tiefen Freuden“ ihr Alltag mit Jesus im Pflegeheim ist. Und schon berichtet sie von Begegnungen, bei denen sie als Kind Gottes helfend oder betend den Heimbewohnern zur Seite stehen konnte. Das hatte sie sich von Gott gewünscht, als sie vor 11 Jahren nach einem Krankenhausaufenthalt plötzlich im Heim bleiben musste. Sie schrieb in ihr Tagebuch: „Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Willens, dass ich Frieden bringe, auch in St. Paul.“ Und dann blättert sie in ihrem Tagebuch und berichtet von Begegnungen, die sie an den Rand ihrer Kräfte brachten, in denen Gott ihr aber immer wieder half und sie rückblickend nur staunen und danken kann.

Auf die Frage, was für sie heute, nach 90 Jahren Leben, Glück bedeutet, antwortet sie: „Das Leben mit Jesus. Er ist mein Lebensgefährte. Ich gehe mit ihm durch den Tag und kann mich an dem freuen, was er mir an diesem Tag zumutet.“ Das ist ihre Erfahrung: „An Jesus habe ich eine verlässlichen Freund. Ehepartner und Freunde verlassen einen, aber Jesus bleibt.“ Auch Frau Schranner hat Nöte und Probleme, die Gott nicht einfach auflöst. Das „Glück“ der Erde ist nur momentan. Mit Jesus kommt das „Glück“ ins Leben, das bestehen bleibt, unabhängig davon, wie es uns geht. Was ist ihr Rezept gegen Bitterkeit über Lebensführungen, die man nicht versteht? „Eng mit Jesus verbunden bleiben. Auch gerade wenn Stürme kommen. Nur er ist es, der dann hält. Ich sag die Probleme dann Jesus, eine andere Möglichkeit habe ich nicht. Und erlebe dann, wie Jesus hilft und hält.“ Zum Schluss möchte ich noch wissen, für was sie mit 90 Jahren persönlich besonders dankbar ist. Sie antwortet „Gesundheit ist schön. Aber auch gesunde Leute werden bitter. Aber Jesus bleibt.“

Veränderungen aus Gottes Hand nehmen
Wenig später in einer kleinen aber gemütlich eingerichteten Wohnung im altersgerechten Wohnen. Ich sitze bei Frau Müller, die erst vor wenigen Monaten ihr Haus verkauft und in diese Wohnung eingezogen ist. Sie hat diese neue Situation aus Gottes Händen genommen. Nach ihrem Einzug stellte sie sich mit einer Rose und einem Kärtchen in jeder Wohnung als neue Bewohnerin vor. So fand sie schnell Kontakt und auch eine gläubige Frau im gleichen Haus. Sie nimmt viel Trost und Zufriedenheit aus dem Wissen, dass das Beste noch kommt. „Ich weiß, dass es heim nach dem Himmel geht, auch in schweren Momenten ändert sich daran nichts.“ Was ihr Glück sei? Nach 90 Jahren Lebenserfahrung? Sie antwortet leise singend „Welch Glück ist ́s erlöst zu sein. Alles andere ist nebensächlich und vergänglich.“ Man merkt ihr an, dass sie aus einer anderen Generation kommt und ein Leben lang hart gearbeitet hat. „ Wir wurden noch zur Zufriedenheit erzogen.“ Und kommt gleich wieder auf ihr Thema „trotzdem kann man das nicht anerziehen. Gott hat keine Enkel. Die Zufriedenheit kommt letztlich durch den Glauben, an dem hängt es.“

Als Kind hatte sie Schwierigkeiten zu lernen. Ihre Mutter tröstete sie mit den Worten „Jesus lieben ist besser als alles Wissen.“ Heute, sagt sie, habe sie „Heimweh“ nach dem Himmel. Sie ist froh, dass ihr Mann zuerst gehen durfte. Und erklärt "Hauptsache wir wissen, dass das Beste noch kommt. Auch wenn Probleme auftreten, wir wissen, wohin wir gehen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, und man kann damit leben, wenn man weiß, dass es einem einmal vom Herrn persönlich abgenommen werden wird.“ So nutzt sie die Gelegenheiten, die Gott ihr gibt, um für ihn auch im hohen Alter noch Zeugin zu sein. Ihre Enkelin nannte sie, ihre Oma, bei der Konfirmation als eine Person, die ihr im Glauben Vorbild sei. Als Oma möchte sie den Enkeln die Bibel weitergeben und die Zeit zur Fürbitte für sie treu nutzen. Dankbar ist sie dafür, dass sie selbst im Heim noch die Verhältnisse erleben kann, die Gott für sie vorbereitet hat. Zum Abschied sprechen wir noch über das Sterben. Ihre Todesanzeige ist schon geschrieben, erzählt sie „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen“ wird da drauf stehen. Und sie ergänzt verschmitzt „an meiner wird schon gestrichen“.

Glück, Dankbarkeit und Zufriedenheit im hohen Alter, auch unter schwierigen gesundheitlichen Umständen, ist für Kinder Gottes möglich, das habe ich an diesem Nachmittag gelernt. Alles habe ich in Jesus, alles, auf das es wirklich ankommt. Und weder Krieg, noch Hunger, weder Krankheit noch der Tod können einem das nehmen.