Beihilfe zum Suizid?

Ausgabe Februar / März 2016 - Stellungnahme von Landesbischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx

Der assistierte Suizid am Ende des Lebens ist in der Diskussion. Wann ist ein Leben noch lebenswert? Und wer darf darüber entscheiden, wann es genug ist?

Schwerkranke Menschen, die den Wunsch äußern zu sterben, denken nicht zwingend an den sofortigen Tod. Sie wünschen sich häufig ein Ende der unerträglichen Situation von Angst, Schmerzen, Luftnot oder anderen schweren Symptomen. Sie möchten nicht allein gelassen werden, ihre Würde verlieren oder nur noch maschinengestützt am Leben bleiben. In Deutschland gilt Suizid nicht als Straftatbestand, wohl aber das „geschäftsmäßige“ Angebot der Beihilfe, das hat der Bundestag im Herbst 2015 entschieden. Das Leben von Menschen, die in ihrer Verletzlichkeit auf Hilfe und Zuwendung angewiesen sind, ist wertvoll.

Stellungnahme von Landesbischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx
In einer gemeinsamen Stellungnahme zu den bevorstehenden Beratungen im Deutschen Bundestag über eine Neuregelung der Suizidbeihilfe sprechen sich die evangelische und katholische Kirche in Deutschland für ein Verbot der organisierten Formen der Beihilfe zur Selbsttötung aus. „Wir müssen verhindern, dass die Suizidbeihilfe in unserem Land zur alltäglichen Selbstverständlichkeit wird“, heißt es in der heute veröffentlichten Erklärung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm. Zugleich betonen beide die Notwendigkeit eines Ausbaus der Palliativ- und Hospizversorgung. „Die Gesellschaft und insbesondere die Politiker unseres Landes sind aufgerufen, jedes Leben in seiner ganzen Gebrechlichkeit und Verletzlichkeit zu schützen und die Rahmenbedingungen für eine angemessene menschliche und medizinische Fürsorge am Lebensende zu schaffen“, so Landesbischof Bedford-Strohm und Kardinal Marx. „In einer humanen Gesellschaft muss es ein wichtiges Anliegen sein, dass Menschen am Lebensende gut versorgt und begleitet in Würde sterben können.“ Ein Verbot für die Beihilfe zur Selbsttötung müsse für alle Vereine, Organisationen sowie Einzelpersonen, aber auch für Ärzte gelten, die den assistierten Suizid als Behandlungsoption in geschäftsmäßiger Form anbieten.

Die gemeinsame Stellungnahme im Wortlaut:
„In den vergangenen Wochen hat die gesellschaftliche und politische Diskussion über ein Sterben in Würde eine neue Dynamik erfahren. Zum einen hat sich der Deutsche Bundestag bereits in erster Lesung mit einem Gesetzentwurf befasst, der die Verbesserung der palliativen und hospizlichen Versorgung in Deutschland zum Ziel hat. Das begrüßen wir sehr. In einer humanen Gesellschaft muss es ein wichtiges Anliegen sein, dass Menschen am Lebensende gut versorgt und begleitet in Würde sterben können. Zum anderen sind verschiedene Gesetzesentwürfe zur Neuregelung der Suizidbeihilfe vorgestellt worden, die in den kommenden Tagen erstmals im Plenum des Deutschen Bundestages erörtert werden.

Wir sind sehr dankbar, dass die Fragen der Begleitung und Unterstützung schwerstkranker und sterbender Menschen mittlerweile eine so breite Aufmerksamkeit erfahren. In vielen Veranstaltungen, in den Medien, in den Landesparlamenten und nicht zuletzt im Deutschen Bundestag erleben wir eine fundierte und ernsthafte gesellschaftliche Auseinandersetzung, die von gegenseitigem Respekt geprägt ist.

Die Bandbreite des möglichen Umgangs mit dem Sterben ist groß und wird die Abgeordneten vor eine schwerwiegende Gewissensentscheidung stellen. Wir sind erleichtert, dass dabei nicht die extreme Forderung nach der Tötung auf Verlangen zur Wahl gestellt wird.

Anlässlich der anstehenden Beratungen sprechen wir uns nochmals dafür aus, jeglicher Normalisierung der Beihilfe zum Suizid entgegenzuwirken. Wir betonen mit Nachdruck, dass sich an der Frage des Umgangs mit Krankheit und Tod grundlegende Fragen unseres Menschseins und unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses entscheiden. Die Gesellschaft und insbesondere die Politiker unseres Landes sind aufgerufen, jedes Leben in seiner ganzen Gebrechlichkeit und Verletzlichkeit zu schützen und die Rahmenbedingungen für eine angemessene menschliche und medizinische Fürsorge am Lebensende zu schaffen.

Wir fordern gemeinsam den konsequenten Ausbau der Palliativund Hospizversorgung sowie ein Verbot der organisierten Formen der Beihilfe zur Selbsttötung. Diese gesetzliche Regelung sollte für Vereine, sonstige Organisationen und Einzelpersonen, aber auch für Ärzte gelten, die den assistierten Suizid als Behandlungsoption am Ende des Lebens in geschäftsmäßiger Form anbieten.

Ohne ein klares gesetzliches Zeichen gegen geschäftsmäßig angebotene Beihilfe zum Suizid befürchten wir eine zunehmende Aufweichung des Tötungstabus in unserer Gesellschaft. Gerade Menschen, die sich auf Grund ihres Alters, von Gebrechlichkeit oder schwerer Krankheit ohnehin in einer schwierigen Lebenssituation befinden und oft Angst davor haben, anderen zur Last zu fallen, würden hierdurch unter einen subtilen sozialen Druck geraten. Darin sehen wir eine erhebliche Gefahr für die Würde des menschlichen Lebens. Wir müssen verhindern, dass die Suizidbeihilfe in unserem Land zur alltäglichen Selbstverständlichkeit wird.

Die Kirchen treten deshalb aus christlicher Überzeugung für eine Kultur der Lebensbejahung und -förderung ein. Dazu ist es notwendig, dass die Bürgerinnen und Bürger noch besser als bisher über die bereits bestehenden vielfältigen Möglichkeiten der palliativen und hospizlichen Begleitung und Unterstützung aufgeklärt werden. Nur so werden sie befähigt, in wirklicher Verantwortung und Freiheit ihr Lebensende zu gestalten.“
Hannover, 1. Juli 2015
 
Bundestag verbietet organisierte Beihilfe zum Suizid
Seit Jahren wurde über Sterbehilfe diskutiert, nun hat der Bundestag am 6. November 2015 eine Entscheidung getroffen. Mit 360 Ja-Stimmen, 233 Nein- Stimmen und neun Enthaltungen votierte der Bundestag am Freitag mit überraschend klarer Mehrheit dafür, dass „geschäftsmäßig“ betriebene Suizidbeihilfe, wie sie etwa von Sterbehilfevereinen angeboten wird, künftig unter Strafe steht. „Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu gegeschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft“, heißt es in dem beschlossenen Entwurf.

Damit bleibt die Beihilfe zur Selbsttötung grundsätzlich weiter erlaubt. Sie kann aber geahndet werden, wenn der Verdacht besteht, dass sie regelmäßig erfolgt oder „auf Wiederholung angelegt“ ist – und nicht nur, wenn ein kommerzielles Interesse dahintersteckt. Der neue Straftatbestand soll als Paragraf 217 ins Strafgesetzbuch eingefügt werden. Künftig geht es dort nun um „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“. Dabei ist Hilfe zur Selbsttötung bisher straflos und soll es auch bleiben – soweit sich diese Hilfe auf einen Einzelfall beschränkt. Ins Visier rücken nun Organisationen, die als Verein nach Prüfung eines Sterbewunsches Gift und Hilfe bereitstellen. Der Entwurf geht auch davon aus, dass Unterstützung beim Sterben typischerweise nicht zum Arztberuf gehört, da hier das Heilen im Vordergrund steht.
Berlin, 6. November 2015

Leben dürfen – Leben müssen
Argumente gegen die Sterbehilfe
Wer sich dagegen ausspricht, das Leben eines todkranken, leidenden Menschen zu beenden, hat einen schweren Stand. Die Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe und zur Beihilfe zur Selbsttötung in der Bevölkerung ist hoch. Politiker plädieren dafür und es werden Anträge für eine Freigabe erarbeitet. In dieser Situation sind ethisch starke Argumente gegen solche Handlungen, die zum Tode eines Menschen führen, gefragt. Der Sozialethiker, EKD-Ratsvorsitzende und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, erläutert die Ablehnung der aktiven Sterbehilfe aus christlicher Sicht auch unter Berücksichtigung allen menschlichen Leids am Lebensende. Das Christentum, das in seiner langen Geschichte überzeugende Argumente entwickelt hat, bietet in dieser Frage eine klare Orientierung.

Dieses Buch bezieht Position. Das wird am Untertitel deutlich. Dass hier „Argumente gegen die Sterbehilfe“ gegeben werden sollen, steht nicht im Widerspruch zu einer differenzierten und lernoffenen Herangehensweise, die zuallererst die in der öffentlichen Diskussion gebräuchlichen Begriffe präzisiert. Wir brauchen beides zusammen: differenzierte Darstellungen und engagierte Positionierungen. Dass gerade aus dem Raum der Kirchen engagierte Debattenbeiträge kommen, wird niemanden überraschen. Denn der Umgang mit den existenziellen Fragen des Lebens und des Sterbens gehört unbestrittenermaßen zu den Kernkompetenzen der Kirchen. Wenn die Kirchen sich öffentlich zu organisierter Sterbehilfe, zu ärztlich assistiertem Suizid oder zu Tötung auf Verlangen äußern, dann tun sie das nicht als Wächter, die von oben auf den politischen und ethischen Diskurs oder gar auf betroffene Patienten, Angehörige oder Ärzte schauen, die in zweifellos oftmals schweren Konflikten stehen. Sondern sie verstehen sich als Teil einer demokratischen Zivilgesellschaft, in die sie ihre Überzeugungen einbringen. Dies auch ganz konkret und praktisch: in der tagtäglichen Arbeit von Seelsorge, Diakonie und Ehrenamt. So besuchen über 66.000 evangelische Ehrenamtliche in Deutschland Kranke oder begleiten Menschen in besonderen Lebenssituationen. Und etwa ein Drittel der 200 stationären Hospize in Deutschland sind Einrichtungen der Diakonie. (Rezension)