Berufen - und dann?

Ausgabe Juni / Juli 2016 - Christian Hertel, Roth

Petrus schreibt in seinem ersten Brief, dass wir die großen Taten Gottes weitersagen sollen, weil er uns „aus der Finsternis berufen hat zu seinem wunderbaren Licht.“ (1.Petr. 2,9) Das ist ein großartiges Bild. Aber was heißt eigentlich berufen sein? 

Was ist Berufung? War das nicht nur für die Spezialisten unter Gottes Bodenpersonal, also für Missionare, Pfarrer, Bibelschullehrer, Prediger und Seelsorger? Wenn man in die Bibel schaut, dann gilt das für Mose oder Josua, Jesaja oder Jeremia? Oder ist es – wie die Formulierung bei Petrus nahelegt – doch etwas für jeden Nachfolger Jesu? Schließlich schreibt Paulus sogar: „an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, an die Geheiligten in Christus Jesus, an die berufenen Heiligen...“ (1.Kor 1,2). Und wenn wir berufen sind, wozu sind wir eigentlich berufen?

Wie war das bei Jeremia?
Lesen Sie einmal das erste Kapitel des Buches Jeremia. Da begegnet uns einiges, was typisch für Gottes Berufung ist, und sich ähnlich bei vielen Herausgerufenen des alten Bundes findet:

 

  1. Gott entscheidet ganz souverän, dass er diesen Menschen gebrauchen will und spricht ihn an (Jer 1,4-7).
  2. Er nimmt ihn in Beschlag, das heißt er ist herausgenommen aus dem normalen Leben seiner Umwelt. Gott hat ihn sich „geheiligt“ noch bevor er zur Welt kam (Jer 1,5). Er hat ihn also ausgewählt, damit er Gott allein dient. Als Kind einer Priesterfamilie prägte das von Anfang an sein Leben. Ein Leben, das davon geprägt ist, dass er zu Gott gehört. Das lässt ihn um Gottes Willen anders leben.
  3. Er dient dem heiligen Gott. Bei Jesaja (Kap- 6) wird das sehr deutlich, dass die Berufenen als Sünder eigentlich nicht zu Gott passen und seine barmherzige Reinigung brauchen.
  4. Jeremia erhält einen klaren Auftrag (Jer 1,7).
  5. Gott verspricht ihm seinen Beistand (Jer 1,8).
  6. Er rüstet Jeremia aus (Jer 1,9.18-19).

Das ist so oder ähnlich immer wieder zu beobachten, wenn Gott im Alten Testament beruft.

 

Und bei uns?
Interessanterweise geschieht im Leben von Nachfolgern Jesu genau das gleiche.

 

  1. Das erste Mal, dass Sie sich an das Reden Gottes in Ih- rem Leben erinnern, war vielleicht nicht mit einer Vision verbunden, wie bei Jeremia. Gott unterzieht ihn gleich zu Anfang einem zweifachen Test, ob er richtig sieht, was Gott ihm zeigt (Jer 1,11.13). Aber auch ohne Vision war es Gottes souveränes Reden, als er Sie ansprach und wenn er die Einsicht schenkt, was er in Jesus Christus für uns getan hat. Er fordert zur Nachfolge auf (wie Mark 1,19-20a) und lädt zur Gemeinschaft mit Jesus ein (1Kor 1,9).
  2. Er nimmt in Beschlag und fordert uns auf herauszutreten aus unserem bisherigen gottlosen Leben. Wir sollen als „in Christus geheiligte, berufene Heilige“ in dieser Welt leben. Sollen wissen, dass wir Gott gehören und leben, wie es ihm gefällt.
  3. Wir kommen zu ihm als Sünder. Gottlose Menschen, die nicht zu ihm passen und es nötig haben die eigene Gottlosigkeit zu erkennen und zu bekennen, und die seine Reinigung brauchen. Und die schenkt er uns gnädig durch Jesu stellvertretendes Opfer am Kreuz. (2.Tim 1,9)
  4. Damit endet – wie damals bei den Propheten – ein bis- her selbstbestimmtes Leben. Denn er ist „deshalb für alle gestorben, damit die, die leben, nicht länger für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und zu neuem Leben erweckt worden ist.“ (2.Kor 5,15) Das ist Berufung. Und dann gibt es einen klaren Auftrag. Im Neuen Testament sucht die Gemeinde oft gemeinsam nach der konkreten Platzanweisung für einzelne Personen (Apg 6,2.3; 13,1-3; 16,9 – man achte auf „wir“, „uns“). Ringen wir im Kreis der Geschwister um Klarheit für eine Platzanweisung.
  5. Wie damals bei den Propheten gilt jedem, der in die Nachfolge Jesu tritt die be- sondere Verheißung seiner Nähe und Treue. Nicht nur am Ende des Missionsbefehls – wenn Jesus verspricht: „Und seid gewiss: Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt.“ – wird das deutlich. Auch wenn er seinen Jüngern erklärt, dass er sie nicht verwaist zurück- lässt sondern selbst zu ihnen kommt und ihn ihnen lebt, durch seinen Geist (Joh 14,16-18) wird das deutlich. So nahe ist uns der Immanuel, der „Gott mit uns“, dass er in uns lebt (Gal 2,20; Joh 15,3; Eph 3,17).
  6. Er rüstet uns aus mit seinem Geist, der in alle Wahrheit leitet (Joh 16,13), der uns wie die Jünger lehrt und erinnert (Joh 14,16), der uns lehrt, was wir sagen sollen, wenn es eng wird (Joh 12,11) und uns genießbar macht (Gal 5,22-23). Der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2Tim 1,7), der Geist, der unserer Schwachheit aufhilft, wenn uns die Worte zum Gebet fehlen (Röm 8,26) und der Geist, der uns leitet (Apg 16,6-7). So sind wir gut ausgestattet für unsere Berufung. Wie die Propheten damals sind wir berufen zu einem Leben für Gott – ganz für Gott. Das lässt sich nicht mehr steigern. Ein Leben in der Nachfolge ist im- mer ganz für Gott, ob als Müllwerker oder Pfarrer, als Hausfrau oder Missionarin. Berufung heißt immer, eingefügt werden in den Leib Christi auf Erden. Dadurch soll die Barmherzigkeit und Liebe des Vaters sichtbar werden (Luk 3,36; Eph 3,18), aber auch die Einheit des Leibes, damit sie Zeugnis der Einheit von Vater und Sohn ist (Joh 17,20-23) und die Welt erkennt, dass er vom Vater gesandt ist. Das kann man im normalen Lebensumfeld leben oder in einer speziellen Platzanweisung.

Das bedeutet:
Wer Jesus nachfolgt ist Gottes Berufener! Von Gott an- gesprochen, herausgerufen, geheiligt, rein gewaschen durch Jesu Blut, ausgesucht um etwas zum Lob seiner Herrlichkeit zu sein (Eph 1,3-14), begabt und mit Gottes Geist ausgestattet. Sind sie sich dieser Berufung bewusst?