Bleiben an Jesus und prägen lassen von ihm

Ausgabe Nr. 5, Oktober / November 2005 - Marcus Kresin, LKG Nürnberg - Strauchstraße

Ab wann bin ich denn im Glauben erwachsen? Als Mann habe ich das Stadium einer bestimmten körperlichen und geistigen Reife erreicht und jene notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse erworben, die mich befähigen, die für mein Leben und Fortkommen notwendigen Entscheidungen zu treffen.

Im juristischen Sinne wurde ich mit dem Erreichen der Volljährigkeit erwachsen und bekam dann auch sowohl mehr Rechte als auch Verantwortung.Volljährigkeit im Glauben? Je mehr ich mein „geistliches Erwachsenwerden“ mit meinem biologischen Erwachsenwerden vergleiche, umso schwieriger wird es. Ich sehe einerseits Punkte, die mit dem natürlichen Erwachsenwerden zu vergleichen sind, andererseits aber auch Eigenschaften, die geradezu gegenläufig sind. Beim Nachdenken sind mir folgende Bausteine in meinem geistlichen Leben deutlich geworden.

1. Erwachsen werden
durch gesunde Ernährung und das Bleiben am Wort Gottes. Im 1. Petr. 2,2 heißt es: „Wie ein neugeborenes Kind nach der Milch schreit, so sollt ihr nach dem unverfälschten Wort Gottes verlangen – dadurch werdet ihr wachsen.“ Die Beschäftigung mit dem Wort Gottes hat mich reifen lassen, mich im Glauben gefestigt und mir Unterscheidungsvermögen gegeben, Situationen und Lebensfragen geistlich zu beurteilen. Gerade in der Zeit nach meiner Bekehrung bin ich vielen Geschwistern begegnet, die sich vom Wort Gottes haben prägen lassen und mich in der täglichen Bibellese und Stille ermutigt haben. Diese Vorbilder waren und sind unheimlich wichtig für mich. Deswegen liebe ich auch Biographien. Gerade im Umgang mit Versuchungen ist das Wort Gottes mir eine große Hilfe geworden. Ich habe erfahren, dass man mit Versuchungen und der Sünde nicht diskutieren kann. Der Herr Jesus entgegnet den Versuchungen immer wieder mit einem Wort Gottes. Diese Praxis hat mir echt geholfen.

2. Erwachsen werden
durch Hören und Gehorsam. Gottes Wort nicht nur zu studieren, sondern es zu lernen, in der praktischen Umsetzung seinem Reden und Willen die höhere Priorität einzuräumen (z.B. in Fragen der Lebens-, Berufs- und Finanzplanung), lässt mich täglich hinwachsen zu ihm. Es schmerzt mich oft, eigene Vorstellungen und Planungen in die Waagschale Gottes zu legen. Aber am Ende hat Gott mehr gegeben oder es besser gemacht, als ich es mir vorstellen konnte. Mir ist es wichtig geworden, dass dieser Punkt nicht als der erhobene Zeigefinger Gottes verstanden werden soll. In den letzten Jahren musste ich beruflich Kunden in sehr weit reichenden Entscheidungen beraten und unterstützen. Die Verantwortung war in manchen Fragen so groß, dass sie mir Kummer bereitet hat. Da war und ist es mir eine große Hilfe, bestimmte Projekte vor Gott hinzulegen (auch mit Arbeitskollegen zusammen) und auf ihn zu hören, um dann auch die richtigen Ratschläge und Entscheidungshilfen zu geben. Ich will nicht alles fromm reden, aber es ist wirklich ein Segen,
die kleinen und großen Dinge vor Gott auszubreiten.

3. Erwachsen werden durch Vergebung.
In Hebr. 12,1 werde ich aufgefordert, die „uns so leicht umstrickende Sünde“ immer wieder abzulegen und auf Jesus zuzulaufen. Trotz eigener Schuld immer wieder neu Stärkung und Kraft zu empfangen, ist eine ganz wichtige Komponente im Wachstum. Zum einen zu erkennen, dass Jesus sich zu mir stellt und ich jederzeit und auch mit jeder Sünde zu ihm kommen kann. Aber auch zu lernen, die Geschwister und die Welt mit den Augen Jesu zu sehen.

4. Erwachsen werden durch Ausrichtung auf das Wesentliche
Wir kennen alle den Satz „Nun werde doch endlicherwachsen!“. Als Kind hat man viele Flausen im Kopf. Der Schreiber des Hebräerbriefes ermahnt auf ein Ziel zuzulaufen „indem wir hinschauen auf Jesus“. Ich möchte es in meinem Leben lernen, auf das Wesentliche zu sehen und Dinge, die mich aufhalten oder hindern, loszulassen. In einem Punkt jedoch unterscheidet sich das Erwachsenwerden im Glauben von meinem natürlichen Erwachsenwerden ganz wesentlich. Meine Volljährigkeit entlässt mich in die Eigenständigkeit und Eigenverantwortung. – Mein Erwachsenwerden im Glauben lässt mich mehr und mehr meine Abhängigkeit zu Jesus erkennen. Bei dem Wachsen aller Erkenntnis und Reife sind es nicht nur die theologischen Bergspitzen wie Freizeiten, Bibelwochen und Jahresbibellese die mich geprägt haben, sondern vor allem das Erkennen und ehrliche Anerkennen der Abhängigkeit von Jesus, in der ich stehe. Biblisches Wissen und Erkenntnis ist wichtig, hat mich in meinem Leben wesentlich geprägt und bildet den guten Boden. Wachstum habe ich jedoch am direktesten in der Aufforderung Jesu erfahren in alltäglichen Dingen (Arbeitsplatz, Zukunftsängste, ...) nicht zu sorgen, sondern loszulassen. Darauf zu vertrauen, das Jesus weiß, was am besten für mich ist und meine Eigenständigkeit in sein Licht zu stellen. Das ist nicht leicht und tut auch manchmal weh. Am liebsten wäre mir natürlich ein Glaubenswachstum mit sicherem Job, ohne Bangen und all die Ängste meiner Generation. Ein befreundeter Missionar aus Bolivien sagte jedoch kürzlich zu mir: „Marcus, es ist gut und wichtig zu lernen, was es heißt zu beten: Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Erwachsenwerden im Glauben und Frucht bringen ist für mich jeden Tag neu das „Bleiben“ an Jesus und „Prägen lassen“ von ihm. (Joh. 15, 1-8, 2. Kor. 3,18)