Dank auf dem Weg zum Ziel

Ausgabe Februar / März 2016 - Sr. Hanna Leupold, Puschendorf

Als ich anfing, mir über dieses Thema Gedanken zu machen, standen sie mir wieder vor Augen: Die vielen Menschen, deren letzte Wegstrecke ich im Lauf meines ca 30jährigen Dienstes in unserem Alters- und Pflegeheim mit begleiten durfte.

Auf den ersten Blick, besonders von Außenstehenden, wurde hier nur geballtes Elend wahrgenommen: Abbau in jeder Hinsicht, Hilflosigkeit, Orientierungslosigkeit, Ausgeliefert sein, Hoffnungslosigkeit und, um ehrlich zu sein, auch oft Verbitterung, ungerechtes Verhalten, Undank. Dank und Pflegeheim scheinen nicht zusammen zu passen. In diese Situation hinein die Liebe Gottes zu leben, war ein wichtiger Auftrag. Und im Rückblick kann ich nur sagen, dass ich selber dabei am meisten beschenkt und oft auch beschämt wurde durch Menschen, deren Herz Dankbarkeit behalten hatte und sie so vor Bitterkeit bewahrt geblieben sind. 

Einige Beispiele will ich dazu schildern.
Eine Bewohnerin mit fortgeschrittener Multipler Sklerose, ans Bett gefesselt, nur noch der Kopf beweglich, Schlucken und Sprechen fallen sehr schwer. Jede pflegerische Verrichtung an ihr bereitet ihr Schmerzen. Doch immer schauen mich ihre Augen freundlich an und es kommt ein vernehmliches Dankeschön über ihre Lippen.

Eine andere Szene: Gesellige Runde in einem Pflegebereich. Es ist ein trüber Septembertag. Das Blick geht auf das nahe Erntedankfest, Dankbarkeit, Nur sehr zögernd lassen sich die Bewohnerinnen zum Ausschneiden von Früchten aus Tonpapier motivieren. Doch als wir zusammentragen, wofür wir danken können, um die Stichworte auf die Früchte zu schreiben, wurde es lebhaft in der Runde. Fast jede hatte etwas beizutragen: Warme Stube, gutes Essen, hilfreiche Mitarbeiter, ein warmes Bett usw. Der große Strauß hängt am Ende voller Früchte. Der Chorus zum Abschluss: Alle gute Gabe kommt her von Gott, dem Herrn, wird laut und kräftig geschmettert. Als ich mich, meine Gitarre schulternd, verabschiede, sehe ich in lauter frohe, gelöste Gesichter.

Szene drei: Eine Bewohnerin mit Demenz und einer Halbseitenlähmung sowie einer starke Sprachbehinderung, hat Geburtstag. Die Mitarbeiter singen ihr, wie bei uns üblich, ihr Wunschlied in der Frühstücksrunde. Alle kennen das Lied und singen mit. „Vielstimmig“ klingt es durch den Raum: Großer Gott, wir loben dich.....Das Geburtagskind ist in der Lage, Wort für Wort mit zu sprechen, wobei sie strahlt, während ihr die Tränen übers Gesicht laufen. Ich hab sie eigentlich immer so dankbar erlebt, nicht nur am Geburtstag.

Szene vier: Eine Bewohnerin, immer sehr schaffig, an allem interessiert, was in der Welt vor sich ging. Auch gutes Essen und Trinken verschmähte sie nicht. Doch dann bekommt sie einen Infekt, von dem sie sich nicht mehr erholt. Sie wird bettlägerig, schläft viel und wird immer schwächer. Das Essen wird ihr zur Qual, sie verschluckt sich häufig und hat dann schlimme Hustenanfälle. sie hat einen Wunsch, nämlich in Ruhe gelassen zu werden. Nun sind wir Pflegekräfte ja angehalten, den Bewohnern ausreichend Essen und vor allem Trinken zu ermöglichen. Doch wir merken, sie will nicht mehr, sie sieht ihrem Ende bewusst entgegen. Nach einem Gespräch mit Angehörigen und Hausarzt beschließen wir, nur noch so viel zu tun, dass sie sich einigermaßen wohl fühlt. Als ich darüber mit ihr rede, kommt ein warmes Leuchten in ihre Augen. Ich bete mit ihr und befehle ihr Lebensende bewusst Gott an. Sie ist schon zu schwach zum Sprechen, drückt mir aber noch fest die Hand. Einige Tage später konnte sie im Frieden einschlafen.

Und noch eine letzte Szene steht mir vor Augen: Der Mann wirkt immer sehr düster und grimmig. Keiner geht gerne zu ihm ins Zimmer. Vom Glauben hat er noch nie was gehalten in seinem Dasein, das lässt er uns auch sehr deutlich wissen. Nichts kann ihn bewegen, zum Gottesdienst, zur Andacht zu kommen. Doch das Kruzifix in seinem Zimmer darf hängen bleiben. Dann geht‘s abwärts mit ihm und wir merken, dass sein Lebensende nah ist. Ich muss gestehen, der Mann war mir immer etwas unheimlich. Nun habe ich Angst davor, wie wohl sein Ende aussehen würde. Trotzdem bemühe ich mich, immer gleichmäßig freundlich zu ihm zu sein. Nach und nach wird er etwas zugänglicher, lässt sich auch die Pflege besser gefallen. Ich summe bei der Arbeit „So nimm denn meine Hände“ vor mich hin. Ich wag es, ihn auf das Lied anzusprechen. Er wehrt nicht direkt ab, äußert sich aber nicht dazu. Dann geht’s sehr schnell mit ihm aufs Ende zu. Er kann nicht mehr sprechen. Aber seine Augen sprechen. Große Angst steht darinnen. Ich spreche ihn nun direkt an auf sein Leben bisher, seine Abwehr Gott gegenüber. Er ist sehr unruhig. Ich sage ihm, das Evangelium, das auch ihm gelte: Gott ist die Liebe, er liebt auch dich. Er hört mir gierig zu. Dann heftet er seinen Blick auf das Kreuz und lässt es nicht mehr los. Ich bete in der Stille für ihn. Seine Gesichtszüge entspannen sich, die Angst verschwindet aus seinen Augen und er stirbt mit dem Blick aufs Kreuz.

Diese Szene hat mich ein Arbeitsleben lang begleitet, mir Mut und Freude gemacht, den Menschen im Pflegeheim bzw. auch einige Perioden in der ambulanten Pflege, das Evangelium nahe zu bringen, durch Helfen und Handeln, aber auch durchs Wort und vor allem durchs Lied. Dadurch ist auch mir selber Gottes Liebe ganz wichtig geworden. Gerade im hohen Alter, wenn die geistigen und körperlichen Kräfte nachlassen, wird deutlich, dass Gott es ist, der ein dankbares Herz schenken kann und will und dass er nach wie vor Menschen verändern kann, Gott sei Dank!