Dankbarkeit trainieren

Ausgabe Oktober / November 2016 -  Christian Schwarzrock, Schweinfurt

Danken beginnt beim Zurückschauen!
1. Mose 50,20f: „Ihr gedach- tet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder ver- sorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“

Wer sich die Josephsgeschichte (1. Mose 37-50) anschaut wird oft darüber stolpern, was dieser junge Mensch alles hat ein- stecken müssen. Mit 17 Jahren von den eigenen Brüdern verkauft. Mehrere Jahre zu Unrecht im Gefängnis gewesen. Ständig hatte er für andere die Arbeit zu machen. Bei vielen wäre spätestens im Knast eine leichte Verbitterung eingetreten, als sich der Mundschenk nicht mehr zurückgemeldet hatte. Am Ende seiner Biografie schaut Joseph zurück, aber da ist kein Groll oder Ärger über den eigenen Lebensweg. Er hat ihn annehmen und dahinter sogar Gottes viel größeres Wirken sehen können. Zum Schluss wurde dann doch alles gut.

2. Mose 16,2f: „Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägyp- ten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleisch- töpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst.“

Anders geht es dem Volk Israel später in der Wüste. Sie haben nur wenig Zuversicht von ihrem Stammvaters Joseph geerbt. In 2. Mose 16 wird berichtet wie das Volk ebenfalls zurückschaut. Aber dort sieht es nur eine glorifizierte Gefangenschaft. In ihrer Sklaven- zeit standen sie subjektiv an Fleischtöpfen und hatten Essen ohne Ende. Die objektive Wirklichkeit klang aus ihrem Mund vor einiger Zeit noch ganz anders.

Wenn ich in unsere heutige Lebenswirklichkeit schaue, dann ist das mit dem Zurückschauen überhaupt nicht mehr so einfach. Es strömt unglaublich viel auf uns ein. Nachrichten aus jedem Erdteil (meist die Negativen), Informationen via Whatsapp oder Facebook. Nahezu jeder möchte unsere Aufmerksamkeit. Wir können so viel tun und erleben, dass wir immer weniger zum Zurückschauen kommen. Aber gerade das ist nötig, damit wir dankbar werden. Martin Luther schrieb einmal:

"Es ist gut, dass man frühe morgens lasse das Gebet das erste und des Abends das letzte Werk sein, und hüte sich mit Fleiß vor den falschen, betrüglichen Gedanken, die da sagen: „Harre ein wenig, über eine Stunde will ich beten. Ich muss dies oder das zuvor fertigen.“ Denn mit solchen Gedanken kommt man vom Gebet in die Geschäfte, die halten und umfangen dann einen, dass aus dem Gebet des Tages nichts wird." Es ist interessant, dass Luther auch ohne Smartphone und Gleitzeitkonto zu dieser Einsicht kam. Ich glaube sogar, dass man seine Gedanken auch auf die Dankbarkeit anwenden kann. Denn ohne feste Zeiten in denen ich zur Ruhe komme, zurückschaue und bedenke was war, wird wahrscheinlich auch die Dankbarkeit im Alltagstrubel untergehen.

Auf die Perspektive kommt es an!
In beiden Bibeltexten schauen Joseph und das Volk auf die letzten Jahre zurück. Nur ist die Schlussfolgerung nicht bei beiden die Dankbarkeit. Während Joseph genug Grund zum Motzen gehabt hätte, nimmt er das Positive in den Blick. Während die Israeliten auch Grund zum Danken gehabt hätten, motzen sie aber. Warum das Ganze? Schließlich hatte sie Gott aus „Ägyptenland, aus der Knechtschaft“ befreit. Das Volk Israel hat keinen zuerst fordernden, sondern einen befreienden Gott erlebt. Da könnte man doch dankbar sein - oder?

Anders als Joseph erleben sie gerade noch die Wüstenzeit. Wir dürfen uns das nicht so vorstellen wie ein gemütliches Zeltlager. Wenn es ans Leben geht, hört der Spaß auf. Aber im Gegensatz zu Joseph sehen sie nur den Mangel. Sie erinnern sich nicht mehr daran, dass Gott sie durchs Schilfmeer geführt hat. Sie sehnen sich nach dem, was sie nicht mehr oder noch nicht haben, z.B. ein festes Land in dem sie genug besitzen.

Uns wird heute nahezu überall suggeriert: „höher, schneller, weiter“. Wir sollen und wollen mehr haben. Davon lebt unsere Gesellschaft, das schafft Arbeitsplätze. Ob es unserer Seele gut tut, wage ich zu bezweifeln. Um gut und zufrieden zu leben brauche ich nicht das Beste, ich brauche nur „genug“. Das Volk Israel hatte im entscheidenden Moment immer genug, aber sie wollten mehr. Das hat sie zum Motzen geführt. Wie geht es mir damit? Habe ich genug und stellt es mich zufrieden?

Motzen kann man einüben – danken aber auch!
Wer sich die Wüstenwanderung des Volkes Israel anschaut wird feststellen, dass die „Motzzeiten“ häufiger vorkommen. Bei den meisten Gelegenheiten, die nicht so laufen wie gewünscht, wird gemotzt. Es ist schon interessant, dass über 3000 Jahre Menschheitsgeschichte uns nicht wesentlich verändert haben. Unsere Medien erzählen uns heute die „Motzgeschichten“ aus aller Welt und sie lassen sich gut verkaufen, weil wir sie so gern hören. Mancher Bibelstundenkreis wird erst nach einem tollen Evangelium und Gebet lebendig, wenn das Gespräch über schwierige politische Themen beginnt. Das zeigt, was wir eingeübt haben. Das, was wir in uns hineinlassen, prägt auch das, was wir weitergeben. Ich wünsche mir, dass wir Dankbarkeit wieder bewusst einüben. Vielleicht können wir anfangen zu loben, was uns in einer Predigt angesprochen hat, statt zu kritisieren, was wir nicht so sehen. Wir können überlegen was wir tagtäglich als selbstverständlich nehmen und einfach mal Danke sagen. Oder wir versuchen in der Gebetsgemeinschaft den Dankteil länger zu gestalten als die vielen Bitten, die wir meist haben. Ich glaube diese Haltung wird uns verändern. Wir brauchen es nur einzuüben.