Dankbarkeit

Ausgabe Juni / Juli 2016 - Wilfried Schmidt, Missionar i.R.; Liebenzeller Mission

Während der letzten Jahre seines Lebens hatte ein sehr bekannter Theologieprofessor durch Demenz sein Vergangenheitsgedächtnis verloren. Er verhielt sich stets sehr freundlich zu seinen ehemaligen Kollegen, die er aber nicht mehr als solche erkannte. Obwohl er sein Gedächtnis verloren hatte, vergaß er nie Gott zu danken. 

Jedes Mal wenn eine Mitarbeiterin im Altenheim ihm einen kleinen Dienst erwies, sagte er: „Lasst uns beten und dann beugte er sein Haupt, und sagte inbrünstig: „Lobet den Herrn, Dankt ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Dieser Mann hatte eine Herzenshaltung in der Zeit seiner gesunden Normalität eingeübt, die auch dann noch vorhanden war, als ihm das Gedächtnis abhanden gekommen war. Ist das nicht interessant? Es war nicht mehr viel äußerlich Wahrnehmbares vorhanden wofür er hätte dankbar sein können. Aber diese Dankbarkeit, auch in seinem Gedächtnisverlust machte ihn zu einem angenehmen Menschen.

Im Land der Fülle
In unserem Land der „Fülle“ im Vergleich zu armen Ländern, findet man immer weniger Dankbarkeit. Bei uns gibt es eine soziale Grundversorgung, Krankenkassenpflicht, Mindestlohn, Kindergeld, Rente, Hartz IV, Sozialhilfe..... und doch sind viele nicht zufrieden. Man versucht allen möglichen Nöten in der Gesellschaft mit finanzieller Unterstützung und Anhebung von Leistungen Abhilfe zu schaffen. Warum fixiert sich eine Gesellschaft in Notsituationen immer nur auf finanzielle Hilfe und reduziert den Menschen auf ein Wesen ohne geistige, geistliche und seelische Bedürfnisse.

Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: „Der ist am reichsten, der auf das Meiste verzichten kann!“ Es gibt eine Erhebung über Länder und Zufriedenheit der Bevölkerung. Das arme Bangladesh z.B. liegt da im Ranking weit vor Deutschland. Das ist doch interessant.

Als ehemaliger Neuguineamissionar wurde mir dieser Unterschied in der Grundhaltung der Menschen sehr krass bewusst, als wir nach fast 17 Jahren wieder zurückkamen. Die materielle Fülle etwa in den Einkaufsmärkten und dann natürlich auch in den Haushalten stand ganz im Gegensatz zu der Welt aus der wir kamen. Dort brauchte niemand zu hungern, jeder hatte seine Grundbedürfnisse mehr oder weniger gestillt. Alles war überwiegend sehr einfach. Dankbar und zufrieden ist dort auch nicht jeder, aber doch ein relativ großer Bevölkerungsanteil. Woran mag das liegen?

Paulus schreibt an die Christen in Thessaloniki: „Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch (1.Thes. 5,18). Jemand hat gesagt: „Dankbarkeit ist eine Liebeserklärung an das Leben.“ Auf jeden Fall aber ist Dankbarkeit ein Schlüssel zu einem erfüllten Leben. Wenn wir uns bewusst daran erinnern, wofür wir dankbar sein können, dann macht sich ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit und Freude in uns breit. Herbert von Karajan soll nach einer 9 stündigen OP an ihm gesagt haben: „Ich sehe die Dinge nun ganz anders. Ich weiß jetzt, dass Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist. Jeder Tag ist ein Glücksfall. Ich genieße jede einzelne Handlung, jeden Bissen Brot, jeden Blick aus dem Fenster.“