Erwachsen werden im Glauben

Ausgabe Nr. 5, Oktober / November 2005 - Paul Ludwig Böcking

Niemand will auf Dauer Kind sein. Die normale Entwicklung und der gesunde Antrieb eines Menschen gehen zum Erwachsensein. Auch im Glauben ist das so. Wie aber wird man erwachsen im Glauben? Und was sind echte Kennzeichen eines erwachsenen Glaubens?

1. Das Zeugnis der Bibel
Mehrfach wird im Neuen Testament positiv von erwachsenem oder negativ von kindlich-unterentwickeltem Glaubensstand gesprochen. In der Gemeinde in Korinth herrschen Eifersucht und Zank unter den Christen. Man bindet sich mehr an einzelne Führungspersönlichkeiten wie Paulus, Apollos oder Petrus als an Jesus. Paulus bezeichnet das als fleischlich und als kindliche Unmündigkeit: 1.Kor.3,1-4. In 1.Kor.13,9-12 steht das Erwachsen-/Mann-Sein für den Zustand der vollkommenen Gottesgemeinschaft und Gotteserkenntnis im ewigen Leben. Dem gegenüber ist unser jetziges theologisches Wissen und prophetisches Reden und Zungenreden kindliches Stückwerk. Den unterentwickelten Glaubensstand eines kleinen Kindes beklagt der Hebräerbrief bei seinen Lesern in Kap.5,11-6,2. Sie brauchen „wieder Milch und nicht feste Speise“. Sie wollen längeren Lehrstücken über Jesus, die über die Anfangsinformationen von Buße, Glaube, Taufe, Auferstehung und Gericht hinausgehen, nicht mehr zuhören. Sie sind ungeübt in der Lebensgestaltung aus dem Glauben und im Unterscheiden von Gut und Böse.
Eine ganz eigene Beschreibung von erwachsenem Glauben gibt der Epheserbrief. Durch den Dienst der Gemeindemitarbeiter sollen die Christen „hingelangen zur Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit sie nicht mehr unmündig seien und sich nicht von jedem Wind einer Lehre bewegen und umher treiben lassen.“ Eph.4,12-15. Erwachsen im Glauben, der vollendete Mann, ist also derjenige Zustand, in dem wir alle vollkommen mit Jesus verbunden sind. Nicht nur mit Verstand, sondern mit dem ganzen Handeln und Leben in Gemeinschaft sein mit Jesus, das ist nach biblischem Verständnis Erkenntnis des Sohnes Gottes. Es ist ein ständiges Hingelangen, ein Prozess des Wachstums zum vollen Maß der Fülle Christi. Solche innige Jesusgemeinschaft gibt die Kraft für eine selbstbewusst-christliche Lebensgestaltung. Sie befähigt uns, eine erwachsene eigenständige und an Jesus gebundene Meinung zu vertreten.
Summe: Erwachsener Glaube ist immer an seinem Streben nach dichter Jesus- und Gottes-Gemeinschaft erkennbar: Gebet, Bibellese, Stille, Ewigkeit. Aus solcher Gottesgemeinschaft erwächst dann die theologisch lehrmäßige Festigkeit. Vor allem aber bewirkt die Jesusgemeinschaft eine selbständige und gleichzeitig gemeinschaftsfähige Lebensgestaltung. Eine Lebensgestaltung, die Jesus entspricht und die anderen Menschen hilft.

2. Das Zeugnis der Psychologie
Es ist interessant, wie sich diese biblischen Aussagen mit Beobachtungen z.B. der Entwicklungspsychologie decken. Für E.H.Erikson, einen ihrer bekanntesten Vertreter, ist erwachsen,
wer „Ich-Identität in Gemeinschaft“ leben kann. Dazu gehören u.a.:

  • ein persönliches Wertesystem mit Zukunftsperspektive,
  • Selbstannahme mit dem Ja zur eigenen körperlichen Erscheinung und dem gelebten Ja zur Rolle als Mann oder Frau,
  • emotionale und wirtschaftliche Unabhängigkeit von Eltern und anderen Erwachsenen,
  • grundlegende Kenntnisse in Beruf, Ehe, Familie und Gesellschaft,
  • eine offene Kommunikation im menschlichen Miteinander.

Eigentlich wird hier mit weltlichen Begriffen nicht viel anderes gesagt, als was uns die biblischen Zeugen auch sagen. Nicht verwunderlich. Wie sollten ehrliche und wirklich kritische Forscher letztlich anderes entdecken können als das, was der Schöpfer nun mal an Strukturen in seine Menschen hineingelegt hat.

3. Kennzeichen erwachsenen Glaubens
Erwachsener Glaube ist also grundsätzlich größtmögliche Jesusnähe: „Erkennen, wie ich erkannt bin“,1.Kor.13,12. „Hingelangen zur Erkenntnis des Sohnes Gottes“, Eph.4,13. Jesus Gemeinschaft, das ist unser Wertesystem mit Zukunftsperspektive. Manche meinen erwachsene Jesusgemeinschaft müsste sich in erreichten Glaubensstufen,in besonderen theologischen Einsichten, in außerordentlichen Geisteserfahrungen oder in besonderen Gehorsamsleistungen zeigen: z.B. Endzeitfahrpläne kennen, in Zungen reden oder außergewönliche Verzichtsopfer bringen.
Hinter solchen Vorstellungen steht nicht selten ein eher unreifer, selbstbezogener Glaube. Wenn dadurch nämlich nicht anderen Menschen wirklich geholfen wird und nicht wirklich die Liebe zu Jesus wächst. Erwachsen macht und ist, was Jesus großmacht. Je mehr ich sehe, wie einzigartig Jesus ist und wie gut er mit mir und uns Menschen umgeht, desto freier und erwachsener werde ich. Freier von Anerkennungsgier und überzogener Selbstdarstellung, freier von Besitz- und Machtstreben, freier von Ängsten vor anderen und vor Verlusten, freier von Lüge und Schlechtmachen anderer.
Denn Glaubenswachstum ist eben ein ständiges Erneuern und Vertiefen der Gemeinschaft mit Jesus und den Mitchristen, Eph.4,15, und nicht nur ein Abrechnen von Sonderleistungen. Erwachsener Glaube zeigt sich darum in einer realistischen Selbst- und Weltwahrnehmung. Er ist fähig zu ehrlicher Selbstkritik. Er weiß um die, unverbesserliche eigene Bosheit und die unserer gefallenen Schöpfung. Erwachsener Glaube verschließt nicht die Augen vor den Gemeinheiten und Grenzen auch der Mitchristen. Er belügt nicht sich und andere durch Übertreibungen und Schönrederei. Aber er sieht auch nicht schwarz und macht alles schlecht. Gerade die illussionslose Wahrnehmung von Glanz und Elend unseres Lebens treibt uns zu Jesus.
Denn nur Jesus macht eine Selbstannahme, unabhängig von den ganzen Enttäuschungen an uns und anderen, möglich. Erwachsener Glaube kann es sagen: Ja, so bin ich. So begabt und begrenzt. So böse und verloren. Und doch durch den Opfertod Jesu gutgemacht für Gott und die Menschen. Ich weiß wohin mit meinen Sünden. Deshalb höre ich nie auf zu kämpfen mit meinen Sünden. Deshalb kann ich mein Aussehen und meine Unvollkommenheiten bejahen und das Beste daraus machen. Denn Jesus steht zu mir. Das ist die Basis für eine menschenfreundliche und offene Umgangsweise. Erwachsener Glaube zeichnet sich aus durch Gemeinschaftsfähigkeit. Er hat ehrliches Interesse am Anderen. Er sucht die Begegnung, und er gibt Zuwendung. Dabei gesteht er anderen zu, anders zu sein. Er denkt wohlwollend und fördernd für sie. Er führt sich nicht mit angeblichen, supergöttlichen Erfahrungen oder etwas anderem als überlegen vor. Denn die Geborgenheit bei Jesus nimmt uns die Angst um uns selbst. Auch die Angst vor dem Neuen.
Erwachsener Glaube ist nämlich lern- und denkfreundlich. Er kann nicht genug bekommen an Einsichten über Jesus und sein Wort, die Bibel; aber auch über das, was in der Welt und in uns Menschen abgeht. Allein schon gründliche und vergleichende Bibelkenntnis würde jede Menge Kleingeistigkeit in vielen unserer Christenstreitereien offenkundig machen. Es macht auch nachdenklich, dass nur so wenige in unserem Verband an biblisch-theologischen Schulungen teilnehmen. Wir sind zu wenig geübt darin, unseren Glauben mit eigenen Worten zu vertreten.
Denn erwachsener Glaube bedeutet Mut zum Urteil und zur Entscheidung. Ja und Nein sagen wir zwar pausenlos stumm und gefühlsgesteuert. Aber Jesus und sein Wort ermutigen uns, das bewusst zu tun. Nicht der „kinder“-leichte Weg der Anpassung hilft uns. Argumentatives und nachprüfbares Handeln sollen wir einüben. Erwachsener Glaube bezieht Position und stellt sich der Prüfung durch die Mitmenschen. In der festen Jesus-Beziehung finden wir dafür unseren Halt und unsere Maßstäbe.