Kein neuer Wein in alte Schläuche
Ausgabe Dezember 2011/ Januar 2012 - Rainer Dick, Schwabach
"Muss denn das sein?" "Das sah doch alles noch wie neu aus!" "Damit verbinden sich für mich viele Erinnerungen." "Was das wieder kosten wird!" Solche Stimmen konnte man hören, als der „Palast der Republik“, im Volksmund eher als „Erichs Lampenladen“ bekannt, in Berlin abgerissen wurde.
Eines sah der Normalbürger von außen nicht: Der ganze Protzbau war asbestverseucht. Doch nun soll an der Stelle das Stadtschloss wieder erstehen.
Sich vom Alten trennen
Vielfach kann Neues nur entstehen, wenn man sich vom Alten trennt. Vor dem Aufbau kommt dann der Abriss. Auch im Leben mit Gott gibt es dieses Prinzip. Nach Jahren des geistlichen Niedergangs im 7. Jahrhundert vor Christus wurde ein Kind auf Jerusalems Königsthron gesetzt. In einer Palastrevolte hatte man den Vater umgebracht und nun darauf spekuliert, in dem jungen Josia eine Marionette zu besitzen, bei der man im Hintergrund die Strippen zog. Doch dann kommt alles anders. Da heißt es in 2. Chron. 34,3: „Im achten Jahr seines Königreichs, als er noch jung war, fing er an, den Gott seines Vaters David zu suchen.“
Etwas Neues beginnt. Veränderung setzt ein. Ein geistlicher Aufbruch wird gestartet. Und nun ist es interessant, was dieser Teenager zuallererst macht. Er richtet keine Hausbibelkreise ein. Das kommt noch, aber es kommt später. Er beginnt keine Jugendgottesdienste. Die folgen noch, aber nicht gleich. Es heißt: „Und im zwölften Jahr fing er an, Juda und Jerusalem von den Höhen (Standorte der heidnischen Tempel), den Ascherabildern, den Götzen und gegossenen Bildern zu reinigen.“
Veränderung beginnt mit Zerstörung. Vor dem Aufbau kommt der Abbau. Alles, was Gott im Weg ist, was seinem Willen widerspricht, muss ausgeräumt werden. Gott geht keine Kompromisse mit der Sünde ein. „Gott will reinere Gefäße, als wir jetzt sind“, schreibt Johann Christoph Blumhardt. „Entdecke alles und verzehre, was nicht in deinem Lichte rein. Und wenn es noch so schmerzlich wäre, die Wonne folget nach der Pein. Du wirst uns aus dem finstern Alten in Jesu Klarheit umgestalten“, dichtet Ernst Gottlieb Woltersdorf. Wie ernst nehmen wir eigentlich dieses geistliche Grundprinzip? Wie energisch sorgen wir bei uns dafür, dass sich nichts zwischen Gott und uns drängt? Sind wir bereit, uns auch von liebgewordenen Verhältnissen zu trennen, wenn sie als Sünde offensichtlich werden? Vor Bauen kommt Buße. Machen wir es uns nicht zu billig.
Gott Raum geben
Vor „billiger Gnade“ hat Dietrich Bonhoeffer gewarnt. Wir Christen heute stehen in der Gefahr, uns in die Gnade hineinzumogeln. Wir wollen Erneuerung – aber sie darf bitte nichts kosten. Wir reden über Erneuerung – aber wir scheuen die Konsequenzen. Wir rühmen die Gnade – aber scheuen die Buße. Aus der Sorge heraus, als gesetzlich zu gelten, vermeiden wir zu sagen, was Sünde ist. Um niemanden zu verprellen, lassen wir die Götzenbilder unserer Zeit stehen. Dabei ist nichts dringlicher, nichts hilft mehr zur Gesundung, nichts bringt grundlegendere Veränderungen als eine Haltung, die Jesus wieder den ersten Platz im Leben einräumt und ausräumt, was ihm im Wege ist.
Welchen Stellenwert hat das Geld in meinem Leben? Wie ist es um die Versöhnungsbereitschaft in der Gemeinde bestellt? Was besetzt meine Gedanken und meine Phantasie? Welches Mitspracherecht hat der lebendige Gott bei meiner Karriereplanung? Wo ist Gott bei meiner Steuererklärung? Wie viel Platz hat er in meinem Tageslauf?
In einem Kirchenkreis, in dem ich früher tätig war, gab es in einem kleinen Dorf eine ebenso kleine Kirche. Jeder, der in die Kirche hinein ging, sah als erstes im Vorraum einen Spruch, der im Rahmen über dem Portal hing. Da stand: „Herr, erneuere deine Kirche. Und fang bei mir an“. Das muss unser Gebet und unser Leben sein: Abbrechen, was Gott missfällt und Raum für Gott schaffen. Neues beginnt, wenn dem Freudenwein Gottes gereinigte Gefäße zur Verfügung gestellt werden.
Rainer Dick, Schwabach

