Mentoren – wohlwollende Begleiter in Veränderungsprozessen

Ausgabe Dezember 2011/ Januar 2012 - Rainer Schöberlein, Berlin, Mentor

"Change" - Veränderung ist spätestens seit Barak Obama eines der Schlagworte unserer Zeit. Aber ist nicht unser ganzes Leben von Veränderung und Entwicklung geprägt - gerade in unserer Zeit der Optionen und der Flexibilitat?

 Wieso, weshalb, warum ein Mentor? 

Ob nun von außen Veränderung von uns gefordert wird oder wir aus uns heraus in Bereichen unseres Lebens die Notwendigkeit zur Veränderung sehen, so erscheint doch dabei immer wieder die Frage, wer uns in solchen Situationen begleitet. Klar, Jesus fuhrt uns als guter Hirte, doch entdeckt man in der Bibel Zweierbeziehungen, in denen sich Christen in besonderer Weise in Veränderungs- und Entwicklungsprozessen begleiten. Barnabas begleitet den Paulus und dieser wiederum den Timotheus. Im AT sind es Mose und Josua. Nie werden diese Beziehungen als Mentoring benannt, doch kann man sie am besten als solches bezeichnen.

Ältere Glaubensgeschwister, Mentoren, nehmen jeweils einen jungeren Mentee in die vertiefte Gestaltung der Beziehung zu Jesus - in eine gestaltete Jungerschaft - mit hinein. Es sind Beziehungen, wo einzelne in einen tiefgreifenden Veränderungs- und Entwicklungsprozess hinein kommen und aufgrund ihres persönlichen Hintergrundes und des diffusen Umfeldes einen Begleiter brauchen, der positiv-konstruktiv zur Seite steht. Dieser Mentor wird dem andern Christen zum wohlwollenden Begleiter und Ansprechpartner auf den von Veränderungen gepragten Lebensweg.

Jetzt könnte man sagen, dass diese Begleitung doch die Aufgaben eines Seelsorgers seien. Dem würde ich zustimmen, doch wird unter Seelsorge häufig allein die punktuelle, schuld- und umkehrorientierte Begleitung verstanden. Allerdings ist der Rahmen der geschwisterlichen Ermahnung viel weiter, so wie er durch die neutestamentliche Aufgabe der Parạklæsis (Röm 12,8) beschrieben wird. Es ist die förderungsorientierte, identitäts- und gabenorientierte Perspektive, die ebenso in diesem Begriff der geschwisterlichen Ermahnung steckt und am Besten mit Mentoring beschrieben werden kann - siehe die Begriffsklarung im Kasten. Gerade im aktuellen gesellschaftlichen Kontext, in dem jeder zum Selbstentwurf seiner eigenen Identität und Lebenskonzeption herausgefordert zu sein scheint, braucht es Mentoren, die Geschwister in personlichen Veränderungs- und Entwicklungsprozessen begleiten.

Welche Rolle hat nun ein Mentor - was tut er konkret?

Der Mentor spricht zu. Er ist in seiner Grundhaltung gegenuber dem Mentee indikativisch. Soll heisen, er sieht den Mentee von Gottes Wirklichkeit her (vgl. Kol 3,1-4.12a), und nimmt die Perspektive ein, dass er ein geliebtes Kind Gottes begleitet und ihm in Veranderungsprozessen (Kol 3,5-11.12b-17) zur Seite steht. Diesen zentralen Identitatsaspekt - du bist geliebtes Kind Gottes - spricht der Mentor dem Mentee auch immer wieder zu. Der Mentor erinnert den Mentee an diese Identität und fordert ihn heraus, dieser Identität gemäß Jungerschaft zu gestalten. Zentral ist in der Begleitung die Frage, passt das, was ich in den einzelnen Lebensbereichen lebe zu meiner Identität als geliebtes Kind Gottes? Zu empfehlen ist, dass hier Schritt für Schritt auch die privatesten Bereiche des Lebens in einer vertraulichen Weise besprochen werden. Dabei steht der Mentor in der Herausforderung ein Vorbild zu sein. Dies aber immer in dem Bewusstsein, dass er selbst als geliebtes Kind Gottes allein aus Gnade gerechtfertigt ist. Der Mentor fordert. Er geht mit dem Mentee die Frage an, wie er seine Grundberufung in die Gemeinschaft mit Gott und seinen Grundauftrag zu Gemeinschaft und Mission gestaltet. Er fordert ihn dabei seine Begabungen in konkreten Aufgaben in der Gemeinschaft einzubringen (nach Rom 12). Gemeinsam klären sie die Fragen nach der Begabungen des Mentee und wie er sie zum Wohl der Gemeinschaft einbringen kann?

Welche Voraussetzung braucht ein Mentor und wie entsteht eine Mentoringbeziehung?

Grundsätzlich gilt, jeder kann dem anderen zum Mentor werden. Im NT werden wir alle zur gegenseitigen geschwisterlichen Ermahnung, also auch zum Mentoring, herausgefordert. Sicher wird jeder Einzelne unterschiedliche Vorbedingungen mitbringen, doch jeder kann sich hier durch Literatur oder Kurse zusatzliche Kompetenzen aneignen.

Wie in jeder Beziehung braucht es auch im Mentoring zwei, die sich aufeinander einlassen. Als möglicher Mentor kann man dem anderen das Angebot machen, ihn auf Zeit zu begleiten. Genauso konnen mögliche Mentee ihr Interesse gegenuber älteren Geschwistern äußern. Gut wäre es als Gemeinschaft eine aktive Vernetzung durch ein Impulstreffen zu fördern. Ein unverbindliches Erstgesprach, bei dem Erwartungen, Inhalte und zeitliche Rahmen konkret und offen ausgetauscht werden, könnte dann der Startschuss zu einer Mentoringbeziehung werden.

Rainer Schöberlein, Berlin, Mentor


Unterscheidung zwischen Mentoring, Coaching und Seelsorge


Mentoring hat einen förderungsorientierten Fokus:
Es wird prozessorientiert gearbeitet und identitäts- und gabenorientiert begleitet. Es geht um eine Förderung und Unterstützung eines Mentees in seinem grundsätzlichen Lebensentwurf: Identität als Kind Gottes bewusst werden, Begabung und Berufungen erkennen, Werte entwickeln und Gaben entdecken.

Seelsorge hat einen problemorientierten Fokus: Sie ist zeitlich unabhängig und kann auch punktuell und einmalig stattfinden. Es geht um konkrete Hilfestellung bei einem Problem, um die klarende Ermahnung in einer Sache die zwischen dem Einzelnen und Gott steht.

Coaching hat einen zielorientierten Fokus: Der Coach fragt, was konkrete Veränderungswünsche, Ziele und Ist-Zustände des Coachee sind. Der Coachee entwickelt in der Begleitung durch den Coach Handlungsalternativen und konkrete, praktische Schritte, um das Ziel zu erreichen oder Veränderungen einzuleiten. Naturlich ist es möglich, dass es zwischen Mentoring, Coaching und Seelsorge Überschneidungen gibt, das ist besonders in einem Mentoringprozess durchaus möglich, umgekehrt seltener.

(Quelle: In Anlehnung an die Definition des Christliches Mentoring Netzwerk)

(Naturlich gilt das, was ich hier uber Mentoren schreibe in gleicher Weise fur Frauen und Manner. Nur im Interesse der besseren Lesbarkeit habe ich hier im Text vorrangig die maskuline Form verwendet.)