Politisch beten?

Ausgabe August / September 2016 -  Christoph Bahr, Kitzingen

„So ermahne ich euch nun, dass man vor allen Dingen zuerst tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und alle Obrigkeit, auf dass wir ein ruhiges und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. Denn solches ist gut und an- genehm vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Tim 1,1-4).

Beschauliche Gebets­gemeinschaft?
Ich würde gerne mal eine Umfrage unter den Gemeinden starten mit folgenden Fragen:

  • Glauben Sie, dass das gemeinsame Gebet mehr bewirkt als das einsame?
  • Glauben Sie, dass der Wohlstand in unserer Gesellschaft und der Friede in unserem Land auch auf das Gebet der Christen zurück zu führen ist?
  • Glauben Sie, dass das gemeinsame Gebet der Christen politische Entscheidungen beeinflusst?

Das Ergebnis dieser Umfrage würde mich sehr interessieren. Schaut man Land auf, Land ab in die Gemeinden, so wird sicher viel gebetet, doch das gemeinsame Gebet ist oft nur eine Sache von sehr wenigen Treuen. Offensichtlich glauben die meisten nicht, das gerade das gemeinsame Gebet eine große Verheißung hat. Paulus gibt seinem berufenen Nachfolger Timotheus nicht nur fromme Ratschläge mit auf den Weg, sondern gibt weiter, was er selber in all den Jahren erlebt, er- fahren und für das Leben der Gemeinden als unabdinglich hält. „Ich ermahne ...vor allen Dingen zuerst“ – das Gebet der Gemeinde hat die erste Priorität, vor allen anderen Aktivitäten. Das muss ich mir auch selber wieder neu sagen lassen. Wir oft planen wir drauf los und dann wenn es losgeht, darf der Herr seinen Segen dazu geben. In allen 4 Kategorien des Gebetes: Bitte – Lobpreis – Für- bitte – und Dank, soll das Augenmerk auf dem Wohl aller Menschen liegen. Denn das ist Gottes Wille, dass sie alle gerettet werden. Was in diesen zwei Worten „allen Menschen“ drin steckt, sprengt unsere Vorstellungskraft und unsere meist beschaulichen Gebetsgemeinschaften. Es zeigt uns aber auch, welche Bedeutung Gott der Gemeinde in dieser Welt beimisst. Dass wir uns oft nur um uns selbst kreisen, und unsere Fürbitten meist nur den Problemen der Menschen gelten, die in unserem Bekanntenkreis zu finden sind, zeigt, wie weit wir uns schon von unserer weltweiten Verantwortung verabschiedet haben. Die Frage nach dem Wachstum unserer Gemeinde und Gemeinschaften beschäftigt uns mehr, als das Anliegen, das Gott mit uns teilen will. Er hat alle Menschen im Blick. Gott erwartet von uns ganz andere Dimensionen unserer Wünsche und Bitten an ihn. Dabei ist die Gemeinde nicht nur der Ort für Versöhnte, sondern hier ist die Quelle der Versöhnung für alle Menschen. Das Gebet der Christen, im Sinne Gottes, kann et- was, was keine weltliche Organisation, keine religiöse Gemeinschaft, noch Ideologie je könnten. Sie bringt Freund und Feind, Befürworter und Gegner, Gottsucher und Gotthasser, Reiche und Arme, Kranke und Gesunde vor Gott und erbittet für sie seinen Segen. Hier wird die von Jesus geforderte Feindesliebe zur Tat. Wer sich von Gottes Geist im Gebet leiten lässt, wird in eine Weltanschauung geführt, die alles bestehende weit überbietet. Die Gemeinde Gottes ist universal und wird zusammengehalten durch das Gebet in der Kraft des Heiligen Geistes.

Für Machthaber beten?

Als weiteres fordert Paulus, für alle Könige und die Obrigkeit zu beten. Wenn wir uns vorstellen, welche Machthaber Paulus vor Augen hatte, und wie viel Leid ihm die damaligen politischen Vertreter beim Verbreiten des Evangeliums und den Christen zufügten, mag das verwundern. Doch Paulus lässt sich nicht davon abbringen, trotz seiner Erfahrungen, gerade jene aufs Herz zu nehmen, die ihre Macht von Gott empfangen haben und sie in der Verantwortung vor Gott ausüben sollen. Ob es ein Kaiser ist, der sich selbst als Gott verehren lässt, oder ein korrupter Statthalter, ein eigenmächtiger Tyrann oder ein Christ als Politiker, sie alle sind für die Ordnung der Gesellschaft verantwortlich. Sie alle brauchen unsere Gebete.

Die Macht des Gebetes?
Doch die spannende Frage bleibt: Was bewirken diese Gebete? Solange wir uns mehr von Unterschriftenaktionen und Petitionen erhoffen als vom gemeinsamen Gebet der Gemeinde; solange wir mit unserer Macht versuchen Macht zu erlangen, übersehen wir die Frucht dieser Gebete leicht. Eine Gesellschaft, die uns ein auf Gott ausgerichtetes Leben (Gottseligkeit) in der Öffentlichkeit ausleben lässt, ist für Paulus eine Frucht dieser Gebete. In unserem Land haben wir so viele Freiheiten unseren Glauben zu bezeugen, dass unsere Herzen voller Dank sein müssten, und wir uns mehr im Gebet für unsere verfolgten Geschwister in aller Welt einsetzen sollten. Gerne erinnere ich an die Gebete, die vor dem Fall der Mauer an vielen Orten gebetet wurden. Bis heute ist es den Historikern ein Rätsel, das die Wiedervereinigung so friedlich und ohne große Widerstände geschehen konnte.

Politisch beten?
Unser Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist. Wir brauchen in unserem Land nicht nur christliche Parteien, sondern Christen, die Partei übergreifend für alle Politiker beten. Die sozialen Missstände und Ungerechtigkeiten, menschenverachtende Gesetze und blinde Leiter in Gesellschaft und Politik auf ihr Herz nehmen und sie gemeinsam vor Gott bringen. Wir haben nicht gegen Menschen zu kämpfen, sondern gegen Fürstentümer und Gewaltige in einer unsichtbaren Welt (Eph. 6,12). Ob Fremdenhass, Flüchtlingsstrom, Europa und Globalisierung, darauf haben wir Christen nicht die besseren Antworten oder die politischen Weisungen. Aber wir haben das Gebet, damit jene Menschen, die in der Verantwortung stehen, die richtigen Entscheidungen treffen, zum Wohl und Heil aller Menschen. Das politische Gebet der Gemeinde ist heute dringender nötig, als je zuvor. Nehmen wir doch unsere Verantwortung wahr.