Quo vadis, Domine – Herr, wohin gehst du?

Ausgabe Juni / Juli 2016 - Tobias Wagner, Würzburg

Mit bangem Herzen sitze ich auf der Bank vor dem Büro meines Sachbearbeiters in der Arbeitsagentur. Durch die nur halb geschlossene Türe höre ich, wie ein „Klient“ sprichwörtlich zusammengefaltet wird. Er hat eine Frist überschritten und nun wird ihm ein Teil seines Arbeitslosengeldes als Disziplinarmaßnahme gestrichen. Es ist das zweite Mal, dass ich auf dem Amt bin.

Nicht wegen einem, dem man helfend zur Seite steht, wie das als Prediger öfters mal vorkommen kann, sondern wegen mir, und eigentlich bin ich seit zwei Wochen kein Prediger mehr, sondern arbeitssuchend.

Wie gewiss ist Berufung?

In der klassischen Karriere eines Predigers sind Zeiten der Arbeitslosigkeit eigentlich nicht vorgesehen. Beruf und Berufung überschneiden sich hier doch im Idealfall um 100%. Bin ich nicht dem Ruf Gottes gefolgt, als ich die Bibelschule besuchte und mich für den voll- zeitlichen Dienst entschied? Ich habe den Brief doch in meinen Akten, in dem der Bezirk XY schrieb: „Komm herüber nach XY und hilf uns.“ Die- sen Brief und die einstimmige Berufung des dortigen GRs sah ich als Ruf Gottes an meinen damaligen Arbeitsplatz. Dafür ließ ich eine deutlich besser bezahlte Predigerstelle mit lebenslanger Anstellungsgarantie in meinem Heimatwerk zurück. Ich ging in der Arbeit auf, habe meine Kraft und mein Herzblut in die Menschen gesteckt. Und dann, in einer Sitzung des GRs, in dem es um die finanzielle Sanierung unseres Bezirkes ging, hieß es mit einmal – für mich aus heiterem Himmel: „Dann müssen wir eben Tobias entlassen.“ Und nun sitze ich auf dem Amt und verstehe mein Leben, meine Berufung, die Welt und Gott nicht mehr. War alles eine Illusion?

Was soll ich dem Sachbearbeiter erzählen? Wie sehr darf ich ins Detail gehen? Wird er ver- stehen, dass sich hier Beruf und Glaube, Berufung und nüchterne Arbeitswelt überschneiden und wie wird er sich meiner Situation gegenüber verhalten? Muss ich gegen meinen ehemaligen Arbeitgeber klagen? Et- was, dass ich aus geistlichen Gründen unbedingt vermeiden will. Obwohl ich aus der Seelsorge und Begleitung anderer Arbeitsloser theoretisch genau weiß, was mit einem passiert, wenn man arbeitslos wird, durchlaufe ich klassisch alle Phasen. Und zur Trauer und Enttäuschung, zur Wut und Ratlosigkeit kommen meine Fragen an meine Berufung, die mich in meiner ganzen Existenz erschüttern.

Als ich mich vor sechs Monaten, mitten im Winter „prophylaktisch“ arbeitssuchend meldete, fand der Sachbearbeiter den Beruf „Prediger“ nicht. Auch Pfarrer, Priester oder Diakon kam in seinem Computer nicht vor. Zum Schluss wurde ich als Diplomtheologe (FH), evang. eingestuft. Mir kam es überflüssig und lächerlich vor, im Reich Gottes wird mit den Angestellten nicht so umgesprungen, es wird nach geistlichen Kriterien entschieden, nicht knallhart betriebswirtschaftlich, wenn es irgendeine andere Lösung gibt.

Am richtigen Platz?
Während ich auf der Bank sitze, überlege ich mir, was ich anstelle des Predigerseins noch machen könnte. Denn ich bin Prediger, mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele. Ich wäre noch jung genug, um beruflich umzusatteln. Ich könnte nochmal studieren und hätte ein langes und erfülltes Berufsleben vor mir. Aber was sollte ich tun? Während ich da sitze und überlege, was ich für Optionen habe, wird mir bewusst: Auch wenn ich meinen Arbeitsplatz überraschend verloren habe, meine Berufung bleibt. Ich könnte mir nicht vorstellen, in einem anderen Beruf diese Erfüllung zu finden, diesen Sinn, dieses „am richtigen Platz sein“, wie als Prediger. Ich weiß mich von Gott in seinen Dienst gerufen. Auch wenn ich nicht weiß, wie ich in Zukunft dieser Berufung folgen werde, weiß ich, das Gott noch eine Aufgabe für mich hat. Ich brauche nur Geduld, bis Gott sie mir zeigt.

Das Gespräch mit dem Sachbearbeiter verlief sehr gut. Wir unterhielten uns über optimale Predigtlängen – und Inhalte und darüber, dass der Glaube in einer solchen Situation Halt geben kann. Am Ende sagte er mir ganz nüchtern: „Herr Wagner, wir werden ihnen in ihrem Beruf niemals eine Stelle anbieten können.“ Gute Freunde und meine Eltern standen mir in dieser Zeit zur Seite. Mein Vater sagte immer: „Gott hat für dich diese Erfahrung vorgesehen, die einem Prediger normalerweise nicht widerfährt. Wer weiß, für was Gott es noch gebrauchen wird.“ In der Zeit der Arbeitslosigkeit begann ich mit einem theologischen Masterstudium, dass ich schon lange im Sinn hatte und erlebte, wie Gott, nach einigen Umwegen, mir ein Jahr später für mich völlig überraschend die Türen in den Bayrischen Gemeinschaftsverband nach Würzburg geöffnet hat.

Nun bin ich in Würzburg schon so lange, wie noch an keiner anderen Stelle im meiner „Berufskarriere“ als Prediger. Manchmal schmerzen die Wunden noch, kämpfe ich mit Selbstzweifeln wenn der zählbare Erfolg ausbleibt. Ich zucke in einer Sitzung zusammen, wenn überraschend ein Tagesordnungspunkt kommt, der nicht auf der Tagesordnung steht. Mein Vertrauen in die geistlichen Gremien, die eben auch menscheln, musste erst wieder wachsen. Aber ich durfte erfahren: Der Ruf Gottes bleibt, auch wenn sich das Berufsumfeld ändert. Wenn Gott ruft, gibt es nichts Besseres als zu folgen!