„Religionsfreiheit – wertvoll wie nie“ - Die Aufgaben von Staat und Kirche

Ausgabe August / September 2016 -  Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, Bonn, Präsident des Internationalen Rates der International Society for Human Rights, Botschafter für Menschenrechte, Vorsitzender der Theologischen Kommission der Weltweiten Evangelischen Allianz

Die Trennung von Kirche und Staat ist im Alten Testament bereits angelegt und das war die Grundlage dafür, dass Je- sus sagen konnte: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“ und damit die Loyalität gegen- über dem jüdischen Staat auf den nichtjüdischen (und damit später auch nichtchristlichen) Staat übertrug.

In der klassischen Stelle Römer 13,1-7 wird deutlich, dass der Staat die Aufgabe hat, Frieden und Recht für jedermann zu sichern, nicht aber den christlichen Glauben zu propagieren oder dessen Konkurrenten zu bekämpfen. Folglich unterstehen die Bürger, wie andere auch, den Gesetzen des Staates, und der Staat kann und muss Christen nach Paulus als „Diener Gottes“ bestrafen, wenn sie Böses tun. Insofern kennt das Neue Testament nicht das Ideal des „christlichen Staates“ im Sinne eines Staates, in dem der Herr- scher Christ ist oder gar Menschen zwingt, Christen zu sein, oder Christen bevorzugt behandelt. Gleichzeitig soll die christliche Kirche und Mission unter dem Menschenrechtsschutz des Staates stehen, wie er die Meinungs- und Gewissensfreiheit al- ler beschützt. Nur wenn der Staat das Gegenteil tut und Kirche und Mission bekämpft oder verbietet, wird er zum ‚anti-christlichen‘ Staat gemäß Offenbarung 13. Für Christen begründet sich Religionsfreiheit aber nicht nur in der neutestamentlichen Aufgabenbeschreibung des Staates, sondern auch in der Aufgabenbeschreibung der christlichen Kirche. Nirgends wird der Kirche bei der Ausbreitung der Botschaft Jesu eine Autorität gegeben, die an den Staat erinnert. Sie darf niemanden bestrafen, der ihre Botschaft ablehnt – Jesus lehnte das Ansinnen der Jünger, auf die Menschen Feuer vom Himmel zu werfen, die den Jüngern nicht glaubten oder sie gar verspotteten, scharf ab. Christen haben keine Autorität von Gott empfangen, Menschen zum Glauben zu zwingen, nicht mit Gewalt, Geld oder psychischem Druck, etwa unter Ausnutzung von Notlagen. Christen sind bereit, „jedermann Rechenschaft“ über ihren Glauben abzulegen, „aber in Sanftmut und Ehrerbietung“ (1. Petrus 3,17). Und nicht zuletzt wissen Christen: Sie rufen Menschen zum „Glauben“ an Gott, das heißt zum Vertrauen auf Gott. Vertrauen aber ist eine zutiefst innerliche Herzensentscheidung und kann nicht erzwungen werden. Eine erzwungene Bekehrung ist eben keine Bekehrung.

Verzicht auf gewaltsame Auseinandersetzung
Wenn man sich in der Geschichte umschaut, ist die Religionsfreiheit am übelsten von den Weltreligionen innerhalb ihrer selbst verletzt worden. Denken wir an die Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen Sunniten und Schiiten. Die inhaltliche Nähe der Positionen hat den Krieg nicht verhindert. Religionsfreiheit bedeutet: Religionen und Weltanschauungen verzichten darauf, Auseinandersetzungen untereinander mit politischen Mitteln und mit Zwang zu führen. Stattdessen wählen sie den Weg der intellektuellen Auseinandersetzung zwischen Überzeugungen von Menschen, den Weg des friedlichen Gesprächs.

Artikel 18
Die klassische Definition der Religionsfreiheit steht in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen:

 

  • „Jedermann hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens-, und Religionsfreiheit.
  • Dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln,
  • sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen öffentlich und privat durch Unterricht, Ausübung, Gottesdienst und Beobachtung religiöser Bräuche zu bekunden.“

Religionswechsel als Keimzelle der Religions­freiheit
Religionsfreiheit beinhaltet also sehr zentral das Recht, seine Religion und Weltanschauung wechseln zu dürfen! Das kommt Christen entgegen, wenn sie Zeugnis von ihrem Glauben ablegen. Aber es bedeutet auch, dass Menschen die christliche Kirche folgenlos verlassen dürfen. Das gilt besonders auch für die Kinder von Christen, die zwar im christlichen Glauben erzogen werden, dann aber doch als Erwachsen- werdende ihre eigene Entscheidung fällen müssen, die auch gegen Gott ausfallen kann. Je nach Konfession gibt es dafür die Erwachsenentaufe (bei den Baptisten), die Konfirmation u. ä. (bei den anderen Protestanten) oder die Erstkommunion (bei den Katholiken).

Religionswechsel war die Urgestalt der Religionsfreiheit. Warum? Es war die Urerfahrung der Europäer, auch der Europäer, die nach Amerika ausgewandert sind, dass, wenn ein Katholik Protestant wurde, er im besten Falle sein Land verlassen musste und umgekehrt natürlich auch. Der innerchristliche Religionswechsel aus innerer Überzeugung ist der Ursprung der Frage der Religionsfreiheit gewesen: Was mache ich, wenn ich aus innerer Überzeugung nicht mehr zu dem stehe, was mir angeboren und anerzogen wurde?

Religionsfreiheit in unserem Land bedeutet, dass glücklicherweise die Religionszugehörigkeit und der bürgerlichen Status mehr und mehr voneinander abgekoppelt wurden und jemand heute auf dem Markt- platz stehen und irgendetwas Religiöses (oder Politisches) propagieren kann und der Arbeitgeber, der vorbeikommt, ihm deswegen nicht kündigen darf. Das nützt Christen wie Atheisten, Muslimen wie Anthroposophen und genau dies ist die Urzelle der Frage der Religionsfreiheit gewesen. Wo ein Religionswechsel nicht möglich ist, gibt es keine Religionsfreiheit.

Jede Religionsgemeinschaft braucht entweder Überzeugungen oder irgendeinen Druck und Zwang, um ihre Anhänger zu behalten. Jeder, der Kinder hat, weiß das. Entweder vermittelt man Überzeugungen, warum sie bei der eigenen Religion bleiben sollen, oder man hat irgendeinen gesellschaftlichen Druck aufgebaut, der da- für sorgt, dass sie nicht wechseln wollen oder können. Man kann das bei Stammesreligionen ebenso beobachten, wie in hochindustrialisierten, säkularen Gesellschaften. Eine unabänderliche, stabile und einheitliche religiöse Kultur ist nur durch Zwang möglich. Wenn die nächste Generation keine Möglichkeit hat, eine eigene Entscheidung zu fällen, was und wie sie glauben will, sondern bedroht wird, wenn sie aus der Reihe tanzt, sind eben die Menschenrechte außer Kraft gesetzt.

Öffentliche Religion als Menschenrecht
In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht des Weiteren, dass man seine Religion oder Weltanschauung alleine und in Gemeinschaft mit anderen öffentlich ausüben darf, und nicht zuletzt ist davon die Rede, dass man durch Unterricht, Gottesdienst und Medien aller Art die Religion verbreiten darf. Das Thema Religionsfreiheit scheint im ersten Moment ein sehr einfaches Thema zu sein, weil viele die Vorstellung haben, dass Religion Privatsache ist, zumindest in der westlichen Welt. Da die meisten Religionen ihren offiziellen Glauben in irgendwelchen Häusern praktizieren, sollen die religiösen Menschen zu Hause oder in Kirchen, Moscheen und Tempeln machen, was sie wollen. Das ist natürlich fern der Realität. Religion findet in der Öffentlichkeit statt, das religiöse Denken der Menschen beeinflusst ihr öffentliches Handeln, und erhebliche Teile der Strukturen unserer Gesellschaft und Kultur gehen auf religiöse Überzeugungen und Grundlagen zurück.

Freie Religionsausübung bedeutet nicht, heimlich im stillen Kämmerlein beten zu dürfen, sondern sich der breiten Öffentlichkeit mit seinem Glauben präsentieren und dafür werben zu dürfen. Private Religionsfreiheit macht so wenig Sinn, wie Pressfreiheit nur als öffentliche Pressefreiheit Sinn macht, nicht als Recht, zu Hause schreiben zu dürfen, was man will, solange man es nicht veröffentlicht.

Friedliche Mission als Menschenrecht
Die damit angesprochene (friedliche) Mission ist als Menschenrecht doppelt verankert. Das Menschenrecht auf Mission ergibt sich aus dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Friedliche Mission ist nichts anderes als freie Meinungsäußerung. So wie Parteien, Umweltbewegungen, aber auch die Werbung und die Medien ihre Sicht der Dinge frei in einem Land veröffentlichen dürfen und versuchen, Menschen zu überzeugen, so gilt das auch für die Religionen und ihre Anhänger. Zugegeben, es hat in der Geschichte auch sogenannte ‚Mission‘ als Begründung für Gewalt und Unterdrückung gegeben. Kreuzzüge und Kolonialismus fallen uns ein, von christlicher wie von islamischer Seite. Das Christentum als selbstkritische Religion muss seine Geschichte dabei schonungslos aufarbeiten und tut dies ja auch. Aber hier ist nicht die öffentliche Propagierung der eigenen Anschauung das Problem, sondern die damit einhergehende Unterdrückung von Menschen- rechten und die Zuhilfenahme staatlicher und wirtschaftlicher Macht. Dann aber ist das Problem die Gewalt und der Begriff ‚Mission‘ ist sicher fehl am Platz. Aber: Gegenseitige Mission an sich widerspricht der Würde des Menschen nicht, sondern erweist den Menschen als vernünftiges, frei bestimmtes Wesen, der die ihn bestimmenden Gedanken und Werte gerne anderen mitteilt und ger- ne auf andere im selben Sin- ne hört. Erst die Zuhilfenahme von Zwang jeder Art schränkt die Menschenwürde des anderen ein.