Wachstum ist natürlich und gesund

Ausgabe Nr. 6, Dezember 05 / Januar 06 - Manuel Illi, cjb Nürnberg-Strauchstraße

„Und Jabez rief den Gott Israels an und sprach: Ach dass du mich segnetest und mein Gebiet mehrtest und deine Hand mit mir wäre und schafftest, dass mich kein Übel bekümmere! Und Gott ließ kommen, worum er bat.“ (1. Chr. 4,10)

Mit Wachstum verbinde ich immer Bäume. Wachstum scheint ein Lebensprinzip in dieser Welt zu sein. Und Bäume verkörpern dieses Prinzip, wie ich finde, ziemlich gut. Ein gesunder Baum hat den Drang zu wachsen. Bei Bonsais wird dieser Drang künstlich beschränkt, indem man die Wurzeln und den Lebensraum beschneidet. Aber genug der Abstraktion.2001 kam ich von einer Jüngerschaftsschule aus Amsterdam zurück nach Nürnberg. Unser Jugendkreis bestand aus zehn Jugendlichen, mal kamen alle, mal nur vier oder fünf. Nichts schien sich zu verändern, an Wachstum war nicht zu denken. Heute umfasst unsere Adressliste mehr als fünfzig Jugendliche, und ein Großteil kommt regelmäßig dienstags in die Strauchstraße. Sicher hatten wir Mitarbeiter den starken Wunsch, zahlenmäßig zu wachsen, haben gebetet, haben eingeladen. Aber was letztlich genau dieses Wachstum ‚bewirkte’, kann ich nicht sagen. Wachstum ist eben immer ein Geschenk und kann nicht erarbeitet werden.

Und sind Zahlen alles? Natürlich nicht! Ein Baum kann groß gewachsen und trotzdem knorrig und tot, also wortwörtlich aus-gewachsen sein. Ich finde: schöner als viele Leute im Jugendkreis sitzen zu sehen, ist es, bei einzelnen geistliches Wachstum zu erkennen.

Bei uns im Jugendkreis und bei mir persönlich gab und gibt es explosionsartige Phasen und scheinbare Stagnation. Ich glaube das ist natürlich. So wie der Baum im Sommer wächst und im Winter das Holz hart wird, muss sich bei uns setzen und bewähren, worin wir gewachsen sind. Schnell gewachsenes Holz ist meist weich und trägt nicht viel.

Mir fällt ein Satz ein: Wachstum hat seinen Preis. Ich überlege kurz und entdecke, dass das stimmt. Wo Vertrauen wächst, wird man verletzlicher. Wo der Jugendkreis wächst, wird es leicht ein unpersönlicher Haufen. Und auch im persönlichen, geistlichen Wachstum ist das so. Wer wie Jabez betet „…ach dass du mich segnetest und mein Gebiet mehrtest…“ und wer größere Verantwortung, größere Aufgaben und auch größere Jugendkreise geschenkt bekommt, wird schnell die eigene Unfähigkeit entdecken. Ich kann nicht nur Wachstum nicht machen, ich kann eigentlich noch viel weniger damit umgehen. Manchmal schreibe ich das Wachstum mir und meinen Fähigkeiten zu. Manchmal bin ich unfähig, die neuen Herausforderungen zu erfüllen, und so weiter. Mein persönlicher Preis für Wachstum ist, immer mehr von meiner Selbstbestimmung und meinem Wunsch nach Kontrolle abzugeben und meine Abhängigkeit von Gott zu akzeptieren. Ich hab mein kleines Leben nicht in der Hand, noch weniger einen Jugendkreis oder eine Gemeinde. Da brauche ich wie Jabez wirklich Gottes Hand, die mit mir ist.

Ich glaube, das meinte auch Jesus mit dem Bild vom Weinstock und der Rebe. Gut, der Weinstock ist kein Baum. Es zeigt aber trotzdem einiges. Ich hab oft auf ‚die Früchte’ geschaut – oder dahin, wo ich sie gerne gesehen hätte. Zum Beispiel auf die Zahlen der Leute, die gekommen sind. Darauf, wie ‚feurig’ sie für Jesus sind, mit wie vielen Menschen ich an einem Tag über Jesus gesprochen habe usw. Das ist aber die falsche Blickrichtung. Und das hat bei mir oft dazu geführt, dass ich die Früchte selber hervorzaubern wollte und enttäuscht war, wenn nichts zu sehen war.

Hier liegt das kleine Geheimnis, das ich erst bei meiner Segnung ins Leitungsteam verstanden habe. „Bleibt in mir und ich in euch“ (Joh. 15,4). Für mich ist und bleibt das alles! Es ist alles und das Einzige, was von meiner Seite kommen muss. Und es ist alles, was von seiner Seite kommt: In ihm bleiben. Ich empfinde das als Geschenk. Die Früchte und das Wachstum kommen, weil er – der große Gott – in mir kleinem Menschen ist. Und dann wurde mir klar, dass der Preis für das Wachstum auch nicht länger ein Preis ist. Ich muss nicht mehr den unabhängig starken Mann spielen. Ich muss mich nicht mehr selber schützen, selber produzieren. Das alles kann ich getrost an Gott abgeben, der versprochen hat, sich darum zu kümmern. Er sorgt sich um jeden persönlich.

Ich bin überzeugt, Wachstum ist natürlich und gesund. Ich möchte wachsen. Und ich denke, wir in unseren Jugendkreisen und Gemeinden sind auch noch lange nicht ausgewachsen.