Wertschätzung, die ermutigt

Ausgabe Juni / Juli 2016 - Christian Hertel, Roth

Kennst Du das? Du nimmst eine Herausforderung an, investierst viel Zeit und Kraft und „am Tag der Aufführung“ ist das einzige, was Du am Ende zu hören bekommst: „Sie haben überzogen, ich komme nicht mehr rechtzeitig nach Hause, um mit meiner Schwester zu telefonieren.“

Muss diese Bemerkung sein, oder ist sie völlig überflüssig ist. Sie enthält keine Überraschung, du wusstest selbst nur zu gut, wie spät es ist. Sie ist zugleich erschreckend banal und nebensächlich, dass Du dich fragst ob das nun wirklich alles ist, was nach deinem leidenschaftlichen Einsatz wert ist, erwähnt zu werden?

Naja. Das ist lange her und ich habe später gemerkt, dass es viele Variationsmöglichkeiten dieser Szene gibt, zum Beispiel: „Ihre Krawatte ist zu auffällig, ich konnte mich nicht konzentrieren.“ Und das nach stundenlangen Vorbereitungen und dem echten Ringen darum, dass es keine Rede wird, sondern eine Predigt, die dient.

Wertschätzung ist anders. Aber wie?
Wertschätzung sieht den anderen, was er geleistet und eingebracht hat. Man verbeißt sich nicht in die eigenen Erwartungen, die vielleicht zu einem kleinen Teil nicht erfüllt wurden. Man wendet sich einem Menschen zu und signalisiert schon in der Haltung, dem Lächeln oder mit einer ausgestreckten Hand, das persönliche Interesse. Wertschätzung macht den Wert eines Menschen nicht am großen Erfolg fest, sondern schätzt die Mühe und das Engagement. Wertschätzung sucht nicht nach dem, was einen Mensch ändern, verbessern, optimieren oder noch leisten könnte, sollte oder müsste. Sie schätzt an einem Menschen, das, was passt. Sie verliert sich nicht in dem Wahn man könnte oder müsste alles bis zur Perfektion optimieren. So steht sie im Widerspruch zur Selbstverliebtheit und Selbstgerechtigkeit, die unsere Zeit und unsere Leistungsgesellschaft so stark prägen.

Wertschätzung wirkt Wunder
Glaubt man den Gelehrten in Sachen Management und Personalführung – von denen die meisten Fundstellen meiner Internetsuche stammten – dann wirkt Wertschätzung Wunder. Im Berufsleben, so kann man lesen, führt sie Menschen da- hin, dass sie ihr Potential voll entfalten. Und man stößt auf Schlagzeilen wie: „Wertschöpfung durch Wertschätzung“. Auch Erzieher, Lehrern und Psychologen sprechen von Wertschätzung und deuten an, dass damit eine gewisse Bewertung eines Menschen gemeint ist. Es geht nicht um Lobhudelei, sondern um etwas, was der andere vollbracht hat. Aber es wer- den nicht nur seine Leistungen beurteilt oder seine Erfolge gezählt. Es geht um eine Grundhaltung zu einem Mensch, die ihm Wohlgesonnen ist – mit großem und geringem Erfolg.

Das klingt so, als wäre das Arbeitsleben von lauter Wertschätzung geprägt. Aber nach meiner Beobachtung ist hier das Bild mindestens so durchwachsen, wie in der Gemeinde. Mit dem Unterschied, dass die Erwartungen in der Gemeinde höher sind und damit oft auch die Enttäuschungen größer. Wer zur Gemeinde gehört, lebt nicht nur selbst von der Wertschätzung Gottes, er ist auch aufgefordert den Mitmenschen in der Gemeinde höher zu achten, als sich selbst Phil 2,3). Bei Nach- barn oder Arbeitskollegen ist man da eher vorsichtig mit Erwartungen. Denen sieht man es eher nach, wenn sie uns nicht mit Wertschätzung begegnen.

Wertschätzung setzt Kraft frei
Wertschätzung kann eine große Ermutigung sein und Freiräume schaffen zur Entfaltung der Gaben jedes einzelnen. Es ist eine Herausforderung, die unsere Aufmerksamkeit erfordert. Zum einen macht die Bibel Mut, sich nicht vom Urteil oder der Zustimmung anderer abhängig zu machen (vgl. 1.Kor 4,3-5). Zum anderen ermutigt sie zu sehen, was den anderen wertvoll sein lässt und was er an Gaben, Originalität, Ideen, Überzeugungen und Erfahrungen einbringt (1.Kor 12,15-18). Was könnte da noch alles wachsen und entstehen. Wie wäre es also, wenn sich jeder vornimmt, dass er mit einer konkreten Person aus der Gemeinschaft oder dem Hauskreis ganz ernsthaft einübt, ihr wohlwollend zu begegnen (statt nervig auszuweichen). Wie wäre es, wir würden dem, der die Verkündigung übernommen hat, einen Gedanken spiegeln, der bei uns hängengeblieben ist (statt die fehlende Gliederung zu bemängeln)?

Wie wäre es also, wenn wir aus Freude an der Beteiligung junger Leute ihr Engagement loben (statt ihre Lautstärke zu tadeln). Verändern können wir zu allererst unser eigenen Herz. Also, wann startest du?