... und was machen Sie so beruflich?

Ausgabe Juni / Juli 2016 - Gerhard Grünert, Helmbrechts

Ein kalter SchauerIst doch eine ganz banale Frage, um ein etwas persönlicheres Gespräch vom Zaun zu brechen, oder? Gut gemeint und sicher ein Zeichen, dass man an seinem Gegenüber näher interessiert ist! Also ein legitimer Einstieg für ein nettes Gespräch zwischen Menschen die aufeinander zugehen möchten.

Doch nur die wenigsten ahnen, dass diese anscheinend harmlose Frage, bei seinem Gegenüber vielleicht den blanken Horror auslösen kann. So ist s mir mehrmals ergangen. Allerdings nicht in der Rolle des Fragestellers. Nein, ich war derjenige, bei dem in diesem Moment ein kalter Schauer über den Rücken lief, der sich in gefühlten „zwei Sekunden“ in ein Dröhnen im Kopf und anschließend postwendend in einen Kloß im Hals verwandelte. Sofort der Gedanke: Was sage ich, wie bringe ich das rüber? – dass ich ohne Job bin! Wie erklären, dass das Stigma, welches auch heute noch jeden Arbeitslosen unterschwellig quält, bei mir auf keinen Fall zutrifft. Mangelnde Leistungsbereitschaft? Zu oft krank gewesen? Unfähigkeit? Nein, diese Negativ-Werbung wollte und brauchte ich mir nicht vor- werfen. Ich konnte schließlich nichts dafür, dass der Konzern ein ganzes Produktionswerk nach Ungarn verlagert hat. Und das, ob wohl die Firma schwarze Zahlen schrieb. Kosten sparen, Kosten von denen auch ich ein Teil war, so das Argument wie in solchen Fällen üblich. Und trotzdem hat man immer die Befürchtung, so wie bei einem erwiesenermaßen unwahren Gerücht: Hoffentlich denkt mein Gegenüber nicht doch – „Bisschen was wird schon dran sein!“

Wechsel mit Schwierigkeiten
Doch von Anfang an. Es war 1996 – im damaligen Beschäftigungsverhältnis gab es trotz neunjähriger Firmenzugehörigkeit keine Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Weder von der Stellenbeschreibung noch vom finanziellen Rahmen her. Ich war 42 und wusste, wenn du dich nicht jetzt weiter entwickeln kannst, werden deine Chancen bald vorbei sein. Ich startete einen Versuchsballon in Form einer Stellenanzeige. Die Stellenanzeige war im Layout und Formulierung schon etwas anders als das was üblicher Weise in Regionalzeitungen zu finden ist. Sie enthielt eine ziemlich genaue Beschreibung meines damaligen Tätigkeitsprofils. Von daher war es mir zu riskant diese in der Hofer Regionalzeitung zu veröffentlichen. Mein Arbeitgeber befand sich ja in deren Verbreitungsgebiet. So gab ich die Annonce bei einer Bayreuther Zeitung auf. Das Ergebnis war in jeder Hinsicht verblüffend. Es kam nur eine einzige Rückinfo auf diese Chiffre-Anzeige. Und seltsamer Weise nicht aus Bayreuth, sondern aus Hof. Es wurde ein Vorstellungstermin vereinbart. Im Laufe dieses Vorstellungsgespräches „gestand“ mir der Geschäftsführer, dass er sich diese Zeitung eigentlich nur aus Langeweile gekauft hat, um eine Wartezeit in Bayreuth zu überbrücken. Ich war mir sicher, dass hier unser Herr kräftigt mitgewirkt hatte. Übrigens war dieser Mann alles andere als christlich geprägt und hatte den Familiennamen „Herr“. Der erhoffte Arbeitsvertrag wurde erst ein dreiviertel Jahr später Realität, da die Stelle neu geschaffen wurde. Im Mai 1997 trat ich dann die neue Stelle an. Nach einer brutalen Mobbing-Phase während der Probezeit an einem Kollegen und mir durch den Geschäftsführer, wendete es sich unerwartet zum Guten. Der Geschäftsführer bestellte mich zu einem Gespräch, in dem er mir eröffnete, dass wir doch alles Gewesene vergessen sollten und er sich eine gute Zusammenarbeit wünscht. Dass ich diese Zeit durch gestanden habe ist wohl dem Mitfühlen und mit Zittern, vor allem aber dem Gebetseinsatz meiner Frau zu verdanken. „Herr Jesus, was soll ich jetzt tun?“ ist mir während dieser Phase oft mehrmals am Tag durch den Kopf geschossen. Die darauf folgende Zeit bis 2006 war wohl die schönste Zeit meines Erwerbslebens. Arbeitsumfeld, Gehalt und Arbeitszeit waren für unsere Gegend wohl herausragend.

Was bin ich wert?
2007 wurde ich zum Bezirksdelegierten gewählt. Zur gleichen Zeit wurde der „Glaube“, dass man als Mitarbeiter innerhalb eines Groß-Konzerns ausgesorgt hat, in Frage gestellt. Von der oberen Managementebene wurde beschlossen, die Fertigungsanlage in Hof abzubauen und sie in Ungarn wieder in Betrieb zu setzen. Bevor es in die Arbeitslosigkeit ging, hatte der erst kurz vorher installierte Betriebsrat einen Sozialplan mit dem Konzern ausgehandelt. Der Hauptbestandteil dieses Vertrages war eine so genannte Auffang-Gesellschaft. Wer sie in Anspruch nahm, bekam zwar weniger Abfindung, hatte aber dafür Chancen auf eine Weiterbildung und der Beginn der Arbeitslosigkeit würde sich um zehn Monate hinausschieben, wenn es denn so kommt. Von diesen zehn Monaten hatte ich drei Monate, Vollzeitunterricht mit Schwerpunkt „Business English“. Meine Frau und ich waren sehr zuversichtlich, dass ich trotz meines fortgeschrittenen Alters (damals 53 Jahre) wieder einen Job finden würde. Zum einen würde die Fortbildung meine Chancen sicher verbessern, zum anderen standen doch viele Beter hinter mir. Und sicher würde Jesus nicht zulassen, dass ich in die Arbeitslosigkeit "abgleiten" würde.

Und doch kam es so. „O.K. Herr Jesus, vielleicht willst du mir noch etwas Ruhe verordnen. Versteh ́ ich zwar nicht, aber wenn es dein Wille ist?!“. Finanziell bedeutete dies einen massiven Einschnitt. Aber das konnte meine Elisabeth mit ihrer klugen „Einkaufs- und Haushaltspolitik“ doch ganz gut ausgleichen. Und bevor mir ALG II (Harz IV) droht würde Jesus schon eine Lösung finden. Trotz weit über 150 Bewerbungen ließ die Lösung auf sich war- ten. Hat Jesus dich vergessen, oder bist du so unfähig? Zweifel an meiner eigenen Person und am Glauben versuchten sich breit zu machen. „Herr Jesus, was hast du vor?“ Du fängst das Grübeln und das Rechnen an. ALG II gibt’s nur für den der nichts auf der „hohen Kante“ hat. Im Gegenteil – du musst auch noch deine Krankenkassenbeiträge vom Ersparten be- zahlen. Mit jedem Geburtstag werden deine Chancen auf dem Arbeitsmarkt geringer. Wie lange würde das Geld reichen, das wir als Altersvorsorge zurückgelegt hatten? Und so weiter, und so weiter....

Die Finanzen waren der eine Aspekt. Der andere war die Frage nach dem eigenen Wert. In der LKG lief alles ziemlich reibungslos. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich dort unbedingt gebraucht würde, fühlte mich manchmal sogar allein gelassen. Und selbst bei der Agentur für Arbeit hatte man schein- bar schon aufgegeben – zu alt – war die scheinbar stichhaltige Begründung. „O.K. Herr Jesus, es scheint dein Plan zu sein, dass ich wohl ohne Job klar kommen muss.“ Bevor mir die Decke auf den Kopf fiel, meinte meine Frau, dass ich irgendwie unter Leute müsste. Und sie hatte bereits eine Idee. Wenigstens tageweise Taxi fahren! Dazu musste ich allerdings erstmal Mühe und Geld für den Taxischein investieren. Es ging wirklich darum, unter Menschen zu kommen, denn bei durchschnittlich 2,00 € Stundenlohn konnte man nicht vom „Geldverdienen“ reden.

Ich werde gebraucht
Dann Oktober 2010 wieder unverhofft die Wende. Mit einem Besucher unseres Gottesdienstes kam ich über meine Situation ins Gespräch. In der Firma, in der er beschäftigt ist, wurden zu der Zeit auch kaufmännische Kräfte gesucht. Er nannte mir den Namen des Geschäftsführers. Und siehe da, den kannte ich aus dem Arbeitsverhältnis, in dem ich Jahrzehnte vorher keine Perspektiven sah. Na ja, dachte ich, am besten erst mal telefonischen Kontakt auf- nehmen bevor du wieder Zeit und Mühe in eine sinnlose Bewerbung investierst. Meine Frage zum Gesprächseinstieg, ob er sich noch an mich erinnern kann, wurde ohne eine Sekunde zu zögern, mit „Ja“ beantwortet. Dann ging es Schlag auf Schlag. Lebenslauf und Zeugnisse per Mail. Nach wenigen Tagen Vorstellungstermin. Noch ein paar Tage später war der Arbeitsvertrag zur Unterschrift im Haus. Arbeitsbeginn am 18. Oktober 2010. – Ich wurde wieder gebraucht! Auch in der LKG wurde dies sichtbar, als Prediger Werner Hübner Ende 2012 in den wohlverdienten Ruhe- stand ging und sich eine fast dreijährige Vakanz anschloss.

Fazit: Gott handelt – nicht immer gleich; nicht immer wie wir das gerne hätten; aber stets rechtzeitig. Und manchmal muss er es auch hinauszögern, um zu verhindern, dass wir uns den Erfolg auf die eigene Fahne schreiben.