Blickpunkt Juni / Juli / August 2026 – Walter Ittner, Ansbach

„Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ (Röm 12,18)

Dieser Bibelvers klingt einleuchtend. Wer würde da widersprechen? Frieden ist doch immer gut. Aber Paulus meint hier nicht
ein nettes, oberflächliches „Wir kommen schon irgendwie miteinander aus“. Er legt den Finger tiefer – und das kann unbequem werden.
Wir kennen die Situationen: Spannungen in der Familie. Unausgesprochene Konflikte in der Gemeinde. Verletzungen, die man mit sich herumträgt. Und erstaunlich oft sind wir ziemlich schnell darin zu wissen, woran es liegt: an den anderen.
Paulus dreht die Blickrichtung radikal um: „so viel an euch liegt.“ Darin liegt eine Entlastung, aber auch eine Zuspitzung und Zumutung.

1. Die Zumutung: An dir soll es nicht liegen

Das ist der Punkt, an dem der Satz anfängt zu schmerzen. Paulus sagt nicht: „Versucht es mal mit dem Frieden.“ Sondern: Sorge dafür, dass es nicht an dir scheitert.

Das nimmt jede Ausrede. Plötzlich geht es nicht mehr zuerst um das Verhalten der anderen, sondern um mein eigenes. Um meinen Ton. Meine Reaktionen. Meine inneren Haltungen.

Wie oft halte ich an meinem Recht fest, anstatt den Frieden zu suchen? Wie oft erzähle ich mir innerlich die Geschichte, warum ich im Recht bin – und der andere eben nicht? Wie oft vermeide ich das klärende Gespräch, weil es unbequem werden könnte?

„So viel an euch liegt“ heißt: Du kannst dich nicht dahinter verstecken, dass die anderen schwierig sind. Die entscheidende Frage ist: Was ist dein Anteil? Viel zu oft bin ich erschrocken, wie leicht gestandene Christen und Christinnen in unseren Gemeinden darauf bestehen und rumreiten, was der andere falsch gemacht hat. Oft haben sie sogar recht. Aber sie merken nicht mehr, wie sie selbst bitter werden, unversöhnlich und hart. So sind sie viel mehr Teil des Konfliktes als sie denken und verhindern Lösungen.

Aber selbst, wenn du in einen Konflikt viel- leicht nur für 10 % oder 20 % verantwortlich bist, kannst du dich für diesen Teil entschuldigen und dann anders handeln. Das kann heißen: den ersten Schritt machen – obwohl du meinst, der andere müsste dran sein. Zuhören – obwohl du dich missverstanden fühlst. Nachgeben – obwohl du argumentativ die besseren Karten hast.

Das kratzt am Stolz. Und genau da trifft Paulus.

Frage zum Weiterdenken: Wo halte ich gerade mehr an meinem Recht fest als am Frieden, vielleicht weil ich meine, dass der andere „mehr Schuld hat?“

2. Die Entlastung und nüchterne Grenze: Du bist nicht der Friedensmacher der Welt

Und jetzt kommt die andere Seite – und die ist genauso wichtig. Paulus sagt eben nicht: „Sorgt dafür, dass immer Frieden herrscht.“ Das wäre frommer Druck – und letztlich unehrlich.

Denn es gibt Konflikte, die lassen sich nicht lösen. Gespräche, die im Kreis laufen. Menschen, die nicht bereit sind, auf dich zuzugehen. Situationen, in denen jede weitere Annäherung nur neue Verletzungen produziert.

Dann gilt ein Satz, der es ernüchternd so auf dem Punkt bringt: „Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nach- bar nicht gefällt“ (Friedrich Schiller in „Wilhelm Tell“). Das ist keine Einladung zur Resignation, sondern zur Realität. Frieden ist keine Einzelleistung. Er braucht immer zwei Seiten. Und die andere Seite hast du nicht in der Hand.

Paulus setzt bewusst eine Grenze: „so viel an euch liegt.“ Mehr wird nicht verlangt. Du bist nicht verantwortlich für die Reaktion des anderen. Du bist nicht der Retter jeder Beziehung.

Und vielleicht ist genau das für manche die größere Herausforderung: loszulassen. Nicht weiterzukämpfen, wo nichts mehr zu bewegen ist. Gott das hinzulegen, was du nicht lösen kannst. Das kann bedeuten, dass es manchmal dran ist aus „toxischen Beziehungen“ auszusteigen und aufzuhören, dafür zu kämpfen, dass alles wieder gut wird. Das kann aber nur der letzte Schritt auf dem Weg des Friedens sein.

3. Zwischen Klarheit und Demut leben

Diese Spannung in unserem Vers und beim „Frieden leben“ bleibt. Und sie lässt sich nicht auflösen. Wenn du nur die Entlastung betonst, wird es bequem: „Ich kann ja nichts machen.“ Wenn du nur die Verantwortung betonst, wird es hart: „Ich muss alles richten.“

Paulus hält beides zusammen: Tu deinen Teil – sei ehrlich, geh auf den anderen immer wieder zu. Aber: erkenne auch deine Grenze – ebenso klar. Du bist nur für deinen Anteil verantwortlich, nicht für den des anderen.

Vielleicht beginnt echter Friede genau hier. Nicht in perfekten Beziehungen. Sondern in einem veränderten Herzen. In der Entscheidung, nicht zurückzuschlagen. Nicht nachzutragen. Nicht weiter Öl ins Feuer zu gießen. Sondern in allen Konflikten auf die Stimme Jesu zu hören, denn er allein weiß, was dem Frieden dient.

Und gleichzeitig darin, Gott zuzutrauen, dass er weiterwirkt – auch ohne dich. Selbst wenn du am Ende aus Konflikten und vielleicht sogar Beziehungen aussteigst, bevor es dich zerbricht.

„Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ – dieser Satz lässt sich nicht bequem lesen. Er nimmt dich in die Pflicht – und nimmt dir die Illusion, alles im Griff haben zu müssen. An dir soll es nicht liegen. Aber es muss auch nicht alles an dir hängen. Sei du nur bereit zur Vergebung – und zur Versöhnung.