Blickpunkt Juni / Juli / August 2026 – Andrea Welzenbach, Heilpraktikerin (Psychotherapie), Würzburg

Warum friedliches Streiten wichtig ist

Menschen sehnen sich danach, gehört und verstanden zu werden. Viele Konflikte entstehen nicht nur durch unterschiedliche Meinungen, sondern vor allem durch das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Wenn Kommunikation von Vorwürfen, Bewer- tungen oder Verallgemeinerungen geprägt ist („Du hörst mir nie zu“, „Du machst immer alles falsch“), geraten Gespräche schnell in eine Spirale aus Verteidigung und Gegenangriff. Friedliches Streiten hingegen schafft einen Raum, in dem beide Seiten ihre Sicht äußern können, ohne einander abzuwerten.

Für die Seelsorge bedeutet das: Wir können Menschen helfen, Konflikte nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Möglichkeit zu echter Begegnung.

Ein praktischer Leitgedanke für den Umgang mit Konflikten findet sich im Brief des Jakobus 1,19 (ELB):

Daher, meine geliebten Brüder, sei jeder Mensch schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.“

Die Bibel weist darauf hin, erst dem Anderen zuzuhören um ihn zu verstehen und danach selbst zu reden. Über Verstehen, einer Grundlage des menschlichen Miteinanders, wird dem Anderen Wertschätzung vermittelt.

Eine hilfreiche und praktikable Methode, die ich auch bei Ehepaaren gerne anwende, ist die Gewaltfreie Kommunikation (kurz GFK). Sie kann ein Werkzeug zur Deeskalation sein. GFK kann zuhause trainiert und eingesetzt werden. Entwickelt wurde sie vom amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg mit dem Ziel, Gespräche so zu führen, dass Menschen einander verstehen, anstatt sich gegenseitig anzugreifen. Dieser Ansatz passt gut zum biblischen Auftrag, Frieden zu suchen und liebevoll miteinander umzugehen.

Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation

1. Beobachtung

Beschreiben, was tatsächlich passiert ist – ohne Vorwürfe oder Interpretationen. Statt: „Du hörst mir nie zu“, wäre eine sachliche Beobachtung: „Gestern Abend, als ich von meinem Tag erzählen wollte, hast du auf dein Handy geschaut.“

2. Gefühle ausdrücken

Eigene Gefühle zu benennen zeigt dem Gesprächspartner, wie ich die Situation erlebe. Beispiel: „Das hat mich traurig gemacht“ oder „Ich habe mich nicht wahrgenommen gefühlt.“

3. Bedürfnisse erkennen

Hinter jedem Gefühl steht ein Bedürfnis, z.B. nach Aufmerksamkeit, Wertschätzung oder Ruhe. Beispiel: „Ich hätte gerne, dass du aufmerksam zuhörst, wenn ich dir von dem erzähle, was mir wichtig ist.“

4. Eine konkrete Bitte formulieren

Schließlich folgt eine klare Bitte: „Könnten wir nach deiner Arbeit erst zehn Minuten ohne Ablenkung miteinander reden?“

So werden Vorwürfe vermieden und stattdessen echte Begegnung ermöglicht. Hilfreich kann es sein, nicht nur die eigene Position mitzuteilen (GFK SELBSTMITTEILUNG), sondern auch die mitgeteilte Perspektive des Anderen nachzuvollziehen und in eigenen Worten wiederzugeben (GFK DIE ANDERE SEITE).

Ein Praxisbeispiel

Christian und Monika sind seit 23 Jahren verheiratet, zwei Söhne leben noch zuhause. Christian arbeitet als Programmierer, Monika halbtags im Verkauf. Mit den Hausarbeiten und Problemen der Jugendlichen fühlt sich Monika alleine und überfordert. Christian und Monika streiten sich häufig. Monika beschwert sich: „Nie hast du Zeit für uns, die Familie ist dir egal! Ich muss mich um alles alleine kümmern! Dass Felix Schulprobleme hat und Matteo Drogen nimmt, ist deine Schuld!“ Christian kontert, er verdiene schließlich das Geld. Sie sei nur am Nörgeln und unzufrieden. Dann eskaliert der Streit immer öfter, beide werden so laut, dass die Jugendlichen sie bis in ihre Zimmer hören. Die Eltern wollen an ihrer Ehe arbeiten und kommen in die Praxis.

Gute Erfahrungen habe ich mit dem Konzept der GFK gemacht. Um die Situation gar nicht erst eskalieren zu lassen, wende ich es schriftlich an: je- der Partner bekommt den Auftrag, seine Wahrnehmung der Situation auf einem GFK- Formular auszufüllen (GFK SELBSTMITTEILUNG). Das Schreiben verlangsamt und fokussiert die Gedanken. Dann teilt jeder Partner dem Anderen seine Wahrnehmung mit: „Als ich sah/hörte, dass … (Beobachtung) fühlte ich mich … (Gefühl) weil mir … wichtig ist/ich … brauche (Bedürfnis). Ich bitte dich darum … (Bitte). Der Andere hört zu und stellt ggf. Fragen zum Verständnis. Wichtig: Die Mitteilungen erfolgen sachlich, ohne Bewertungen und Schuldzuweisungen. Danach vollziehen beide die Perspektive des Anderen nach (GFK DIE ANDERE SEITE). Hilfreich ist es, auch die Sitzplätze zu tauschen. Jeder beschreibt mit eigenen Worten, was das Gegenüber zuvor mitgeteilt hat.

Dabei kam es zu überraschenden Ergebnissen: obwohl die Ehepartner sich schon viele Jahre kannten, war es emotional berührend, als es, wie zum ersten Mal, zu echtem Verstehen kam. Zusammen entwickelten sie neue Lösungswege.

Als einen häufigen Grund für Missverständnis- se beobachte ich, dass jeder von sich ausgeht- und zu dem (falschen) Schluss kommt: Der Andere könnte doch, wenn er wirklich wollte- er ist nur zu … (faul, egoistisch etc.). In 1.Kor. 2,11a heißt es: „Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als der Geist des Menschen, der in ihm ist?“ Jeder Mensch ist von Gott wunderbar und individuell gestaltet und hat seine eigene Biographie. Woher kann ich mir anmaßen zu wissen, was in dem Anderen vorgeht?

Als Christian verstand, wie einsam sich Moni- ka im Alltag fühlte und wie seine Anwesenheit ihr Rückhalt in Konflikten mit den Kindern gibt, nahm er sich nach der Arbeit gerne die Zeit, um mit Monika über den Tag zu sprechen.

Praktische Tipps

Neben den vier Schritten der GFK können einige einfache Gewohnheiten helfen, Konflikte zu entschärfen.

1. Zuhören lernen

Menschen entlastet es, wenn sie merken, dass ihnen wirklich zugehört wird.

2. Ich-Botschaften verwenden

„Ich fühle …“ oder „Ich wünsche mir …“ wirkt weniger verletzend als Vorwürfe.

3. Verallgemeinerungen vermeiden

Wörter wie „immer“, „nie“ oder „typisch“ verschärfen Konflikte.

4. Nachfragen statt interpretieren

Fragen wie „Habe ich dich richtig verstanden, dass …?“ können Missverständnisse klären.

5. Pausen zulassen

Wenn Emotionen sehr stark werden, kann es hilfreich sein, kurz Abstand zu nehmen.

6. Wertschätzung ausdrücken

Selbst im Konflikt kann man sagen: „Unsere Beziehung ist mir wichtig.“

7. Positiv in den Konflikt hineingehen mit Lösungserwartung

Unser gemeinsames Ziel ist eine für beide Seiten akzeptable Lösung.