Blickpunkt September / Oktober / November 2026 – Herrmann Mühlich, Würzburg
Warum Christen manches unterschiedlich deuten – und worauf es dabei ankommt.
Ein theologischer Überblick über die wichtigsten Auslegungsmodelle.
1. Vorwort
Dieser Artikel ist ein Überblick über eschatologische Überzeugungen (Eschatologie: Lehre [griech. λόγος] von den letzten Dingen [griech. ἔσχατα]), die in eher konservativen christlichen Kreisen vorkommen. Die meisten Systeme beziehen sich auf das in Offenbarung 20 genannte ‚Tausendjährige Reich‘. Immer wieder kommen in der Literatur folgende Begriffe vor. Es handelt sich oft um Fremdbezeichnungen.
Chiliasmus vom griech. Χίλια (tausend), meint eine Weltanschauung, in der man meint, Christus werde in einem irdischen Reich auf Erden herrschen.
Prämillennialismus (vom lat. Prä- (vor) und Millennium (Jahrtausend)), meint, das Christus vor einem ‚Tausendjährigem Reich‘ wiederkommt.
Postmillennialismus (vom lat. Post- (nach)), meint, dass Christus nach dem Reich wiederkommt.
Amillennialismus (lat. Vorsilbe A- (kein)), lehnt die Existenz eines ‚irdischen‘ ‚Tausendjährigen Reiches‘ ab.
2. Eschatologische Systeme
2.1. Chiliastische Systeme / Prämillenialismus
Im Prämillennialismus wird das Buch der Offenbarung meist chronologisch gesehen. Das ‚Tausendjährige Reich‘ (Offb 20,1-6) wird als irdisches Reich verstanden, in dem Christus als König regiert. Vor diesem Reich findet eine ‚Große Trübsal‘ statt, gefolgt von der Wiederkunft Christi und einem ersten Weltgericht. Es folgt ein zweites Weltgericht und die Ewigkeit nach dem ‚Tausendjährigem Reich‘.
Es gibt zwei Richtungen des Prämillenialismus: den historischen und den dispensationalistischen. Der historische versteht das ‚Tausendjährige Reich‘ als christliches Reich, während der Dispensationalsmus es als jüdisches Reich ansieht. Der Dispensationalismus ist der Ansicht, Verheißungen für Israel seien noch nicht erfüllt. Diese würden sich im ‚Tausendjährigen Reich‘ erfüllen. Darüber hinaus werde die christliche Gemeinde vor der ‚Großen Trübsal‘ entrückt. Die Entrückung falle mit einem Gericht über die Christen zusammen. Nach der ‚Großen Trübsal‘ käme es zur Wiederkunft Christi und einem ersten Weltgericht. Nach dem ‚Tausendjährigen Reich‘ käme es zu einem zweiten Weltgericht, an das sich die Ewigkeit anschließt.
Nach dieser Sicht ist das ‚Tausendjährige Reich‘ als Reich Gottes den Juden von Jesus angeboten worden und wurde von diesen abgelehnt. Aus diesem Grund sei es zur Entstehung der Gemeinde gekommen, die durch das Alte Testament nicht vorhergesagt worden wäre.
2.2. Nichtchiliastische Systeme
Bei nichtchiliastischen Systemen versteht man die Herrschaft Christi in diesem Reich nicht wie die eines irdischen Herrschers. Die Herrschaft Christi geschieht nach diesen Systemen im Verborgenen. Man kann hier zwischen dem Postmillenialismus und dem Amillenialismus unterscheiden. Beide Strömungen gehen davon aus, dass Christus nach dem ‚Tausendjährigem Reich‘ wiederkommt und die Zahl tausend nicht wörtlich zu verstehen ist.
Nach dem Postmillenialismus kam nach dem ersten Kommen Christi eine Zeit der Gemeinde auf die eine ‚Große Trübsal‘ folgt, nach der das ‚Tausendjährige Reiche‘ beginnt. Das Reich beschreibt eine Zeit der Ausbreitung des christlichen Glaubens, in dem dieser die Welt immer positiver prägt.
Nach dem Amillennialismus steht das ‚Tausendjährige Reich‘ symbolisch für die Zeit zwischen dem ersten und zweiten Kommen Christi. Zum Ende des Reiches hin, kommt es zu einer ‚Großen Trübsal‘.
Bei beiden Anschauungen gibt es eine präteristische Variante. D.h. man sieht die Aussagen der Bibel über eine ‚Große Trübsal‘ durch den jüdischen Krieg (63-70 n. Chr.) erfüllt.
3. Zu entscheidende Fragen
3.1. Wie stehen Israel und die christliche Gemeinde zueinander?
(Unterschied zwischen dem Dispensationalismus und allen anderen Systemen)
Ist die christliche Gemeinde ‚das Israel Gottes‘ oder ist die Gemeinde eine von Israel zu unterscheidende Heilskörperschaft?
Nach dispensationalistischer Überzeugung sind Israel und die Gemeinde zwei unterschiedliche Heilskörper. So sei für Israel die Ordnung des Mosaischen Gesetzes das bestimmende Prinzip, für die Gemeinde die Ordnung der Gnade. Man ist der Ansicht, dass das Wort Israel aufgrund einer wörtlichen Auslegung nicht die Bedeutung Gemeinde haben könne.
Dem wird entgegnet, dass der Begriff Israel (bzw. Juden) im Neuen Testament nicht ethnisch gefasst sei (Röm 2,28; 9,6). In der Bibel können Heiden wie Rut zum Israel gehören, während Nachkommen Abrahams, wie Ismael und Esau nicht zum Volk Gottes gehören (Röm 9,6-13). In analoger Weise seien die ungläubigen Juden zur Zeit des Neuen Testaments von Israel, im juristischen Sinne, ausgeschlossen worden, während die gläubigen Heiden juristisch in Israel Aufnahme fanden (Röm 11,17-24). Deshalb werde die christl. Gemeinde als „Israel Gottes“ (Gal 6,16) bezeichnet und mit den Titeln Israels wie „Volk Gottes“ benannt (1Petr 2,9-10). Bei den Heidenchristen werde von einem „Bürgerrecht“ in Israel gesprochen (Eph 2,11-21) und sie werden als Kinder Abrahams bezeichnet (Gal 3,29). Die jüd. Synagoge wird hingegen als „Synagoge des Satans“ bezeichnet (Offb 2,9; 3,9).
Sehr umstritten ist Röm 11,25-26. Manche Ausleger verstehen die Bedeutung des zweiten Wortes in Vers 26 (ou[twj) temporal (und dann), andere modal (und so). Im ersten Fall, für den es keine sprachliche Parallele gibt, würde nach der Bekehrung der Heiden ‚ganz Israel‘ gerettet werden (im Sinne der Bekehrung von ethnischen Juden), im zweiten, wäre die Bekehrung der Heiden die Art, wie Gott ‚ganz Israel‘ rettet (vgl. Röm 11,17-24) bzw. die Formulierung würde sich auf Vers 26b beziehen. Dann wäre mit Vers 26b die Erlösung durch Christus bei seinem ersten Kommen gemeint. Versteht man ou[twj temporal, wäre mit Vers 26b eine Erlösung bei seinem zweiten Kommen gemeint.
Es kann zudem angemerkt werden, dass auch im Alten Testament die Gnade das beherrschende Prinzip war (Röm 4,3; Hebr 11).
Haben sich Verheißungen für Israel in der Gemeinde erfüllt?
Im Dispensationalismus ist man der Ansicht, es gäbe noch Verheißungen für Israel, die nicht erfüllt worden seien. Außerdem ist man der Ansicht, die Gemeinde sei als Geheimnis im Alten Testament nicht offenbart worden (man gibt Eph 3,1-7; Röm 16,25-27 und Kol 1,26-29 an).
Diesem Standpunkt wird entgegnet, dass Verheißungen wie die Landverheißung aus 1Mose 15,18 im Alten Testament ausdrücklich als erfüllt benannt werden (Jos 21,43-45) und sowohl im davidischen Reich als auch im Makkabäerreich als erfüllt betrachtet werden können. Außerdem werden Verheißungen für Israel aus dem Alten Testament im Neuen Testament auf die Kirche angewandt (z.B. Apg 15,13-18; Röm 4).
Wie ist zu entscheiden, ob eine prophetische Aussage ‚wörtlich‘ oder ‚bildlich‘ zu verstehen ist?
In der Diskussion wird von dispensationalistischer Seite betont, Texte müssten ‚wörtlich‘ aufgefasst werden. Dem wird entgegnet, dass eschatologische Texte oft einen bildlichen Charakter haben. So wird in Lk 3,4-6 Jes 40,3-5 zitiert und auf das erste Kommen Jesu bezogen, ohne dass jemand annimmt, dass sich die in dem Vers beschriebenen topographischen Veränderungen eingestellt hätten. Auch werden lokal begrenzte Gerichte in den Bildern kosmischer Katastrophen dargestellt (Jes 13,9ff; 34,4).
3.2 Was versteht Jesus unter Reich Gottes?
Von dispensationalistischer Seite wird das Reich Gottes, von dem Christus spricht, als weltliches Reich verstanden, das den Juden von Jesus angeboten worden sei und von diesen abgelehnt worden wäre. Dem wird entgegnet, dass das Reich Christi eben ausdrücklich nicht von dieser Welt ist (Joh 18,36), der Gläubige Teilhabe am Reich Gottes in der Vollendung haben wird (1Kor 6,9.10; 15.50; Gal 4,11) und es daher kein irdisches Reich vor der Vollendung beschreiben kann.
M.E. ist beim Reich Gottes, folgendes zu beachten:
• Mt gibt den Begriff häufig mit „Himmelreich“ wieder, Mk, Lk und Joh mit „Reich Gottes“. Bei den Begriffen handelt es sich um Synonyme.
• Johannes der Täufer (Mt 3,2), Jesus und die Jünger Jesu verkünden die zeitliche Nähe des Reiches Gottes (Mt 4,17; 10,7; Mk 1,15; Lk 10,11).
• Laut Jesus ist das Reich zu seinen Lebzeiten angebrochen (Mt 12,28; Lk 11,20; Lk 17,20-21).
• Die Macht des Satans ist durch das Kommen des Reiches gebunden (Joh 12,31; 16,11; Kol 1,13.14).
• Das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt (Lk 17,20-21; Joh 18,36-37).
• Das Himmelreich breitet sich aus (‚Wachstumsgleichnisse‘ [Mt 13,1-9.24-30.31-33; Mk 4,26-29]; Mt 13,33-35).
• Das Reich wird vom ethnischen Volk Israel weggenommen (Mt 21,43; 22,1-14).
• Die Vollendung des Reiches Gottes steht noch aus (Mt 6,10; Lk 11,2; 22,16.18.29.30).
3.3 Ist zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Jesu mit einer steigenden christlichen Prägung der Welt zu rechnen?
(Wichtiger Unterschied zwischen dem Postmillennialismus und allen anderen Systemen)
Für die Stützung dieser These werden z.B. folgende Texte herangezogen:
Mt 16,18 (Pforten der Hölle sind Verteidigungswaffen, d.h. die Hölle wird die Gemeinde, beim Angriff der Gemeinde auf die Hölle, nicht überwinden) und Mt 28,18-20 (Völker sollen missioniert werden)
3.4 Welche Prophetien beziehen sich auf die Wiederkunft Jesu und welche auf die Zerstörung Jerusalems 70 n.Chr.
(Wichtiger Unterschied zwischen den präteristischen nichtchiliastischen Systemen und allen anderen Systemen)
Bei dieser Frage geht es darum, wie Mt 24, Mk 13 und Lk 21 zu verstehen sind. Ist hier nur von der Zerstörung Jerusalems die Rede oder wird ein Ineinander von der Zerstörung Jerusalems und der Wiederkunft Christi beschrieben? Gegner einer präteristischen Auffassung verstehen unter Mt 24,29-31, Mk 13,24-27 und Lk 21,25-28 eine Darstellung der Wiederkunft Christi, weil sie hier eine allgemein sichtbare Wiederkunft beschrieben. Die Vertreter einer präteristischen Sicht sehen in den Aussagen eine Beschreibung eines Kommens Christi im Gericht bei der Zerstörung Jerusalems, das analog zu Jes 13,9ff; 34,4 als kosmische Katastrophe beschrieben sei. Ferner verweisen sie darauf, dass Jesus diese Geschehnisse noch für die Lebzeiten einiger seiner Hörer ankündigte (Mt 24,34; Mk 13,30; Lk 21,32), was zur Zerstörung Jerusalems passt.
