Blickpunkt September / Oktober / November 2026 – Tobias Wagner, Würzburg
„Siehe, ich komme bald“ (Offb. 22,7), verspricht Jesus seinen Jüngern und uns. Aber was bedeutet
das für uns heute?
Vor einigen Monaten besuchte ich eine Konferenz in einem bekannten christlichen Glaubenswerk in der Schweiz. Die Veranstaltungen fanden in der dortigen Aula statt. Während ich mir meinen Platz suchte, war ich sehr überrascht, wie schlicht diese Aula gehalten war. Und immer, wenn jemand an meinem Platz vorbeiging, hatte ich den Eindruck, als ob der Boden leicht schwanken würde. Am nächsten Morgen wurde kurz von der Entstehungsgeschichte der Aula berichtet und ich bekam die Erklärung für mein „schwankendes Gefühl“. Als die Aula Ende der 1950er Jahre geplant wurde, gingen die damaligen Leiter davon aus, dass Jesus sehr bald sein Versprechen „Siehe ich komme bald“ einlösen würde. Da dieses Werk von Spenden lebt, wollten sie mit den von Gott gegebenen Gaben verantwortlich umgehen und planten mit einer Nutzungsdauer der Aula bis zum Jahr 2000. Sie legten sich nicht auf ein Datum fest, aber gingen davon aus, dass Jesu „Siehe ich komme bald“ sehr bald sein würde. Und jetzt schwankt und bröckelt es an manchen Stellen.
Man kann über so etwas lächeln oder es als religiös überspannt abtun, aber mir geht dabei das Herz auf. Ich kann die Planer der Aula verstehen. Denn das ist doch genau die Spannung, in der wir als Kinder Gottes leben: Jesus kommt bald, aber verzögert noch, damit noch etliche gerettet werden (2. Petr. 3,9).
Viele Christen haben den Eindruck, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis Jesus wiederkommen wird. Deswegen fragen sie sich, wie sie ihre verbleibende Zeit, Kraft und finanziellen Mittel verantwortungsvoll zum Bau des Reiches Gottes einsetzen können. Sie wollen nicht in Dinge investieren, die dann nutzlos sind. Andere schieben die Frage nach den Konsequenzen, die das baldige Kommen Jesu für sie hat, weit weg. Spätestens seit dem Erfolg der „Finale-Reihe“ sind für sie die prophetischen Zeichen, welche die Wiederkunft Jesu begleiten und sein Wiederkommen irgendetwas Nebulöses, zwischen Fantasy und theoretischem Glaubensinhalt. Für ihre konkrete Lebensplanung hat diese Frage keine Bedeutung. Sie leben, als wenn sie ewig auf der Erde leben würden. Ein tragischer Irrtum, denn nichts steht so unumstößlich für die Zukunft fest, als dass unser irdisches Leben ein (vielleicht auch überraschend schnelles) Ende haben wird. Entweder sterben wir in der Zukunft oder wir erleben in der Zukunft, dass Jesus wiederkommt. Welches Ende unser irdisches Leben nehmen wird, haben wir nicht in der Hand. Deswegen sind mir Menschen, die sich dessen bewusst sind, dass ihr Leben endlich ist und die ihre Prioritäten danach ausrichten, z.B. in finanziellen Entscheidungen, große Vorbilder. Ich persönlich finde, sie setzen die richtigen Prioritäten.
Aber bei aller Erwartung des Wiederkommens Jesu gibt es für uns eine Grenze, die wir nicht überschreiten dürfen: ein konkretes Datum für die Wiederkunft zu benennen. Für uns gilt: „Darum wachet; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“ (Math. 24,42). Leider sind auch große Glaubensmänner immer wieder über diese von Jesus gesetzte Grenze gegangen und meinten am Ende, genau zu wissen, wann Jesus wiederkommt. So berechnete Johann Albrecht Bengel (1687–1752), einer der einflussreichsten württembergischen Pietisten und besten Bibelkenner überhaupt, in seinem Kommentar „Erklärte Offenbarung Johannis“ (1740) die Wiederkunft Jesu für den 18. Juni 1836. Als es im Königreich Württemberg ab 1816 zu schweren Missernten, Hungersnöten (dem „Jahr ohne Sommer“) und wirtschaftlicher Not kam, sahen viele gläubige Pietisten darin die biblisch prophezeiten Vorboten der Endzeit. Sie suchten nach einem sicheren Zufluchtsort vor dem Antichristen im Osten. Da sie nicht direkt nach Jerusalem konnten, welches damals unter osmanischer Herrschaft stand, meinten sie, im Kaukasus, in der Nähe des Berges Ararat und zur osmanischen Grenze, einen Zufluchtsort vor dem Antichristen gefunden zu haben. Von dort aus wollten sie Christus bei seiner Wiederkunft in Jerusalem entgegenziehen. So brachen in den Jahren 1816/17 rund 10.000 Menschen aus Württemberg auf und gründeten im Kaukasus (heute Georgien und Aserbaidschan) sowie am Schwarzen Meer schwäbische Kolonien (wie Katharinenfeld oder Marienfeld), um dort auf das Jahr 1836 zu warten. Heute kommen ihre Nachfahren als (Spät )Aussiedler nach Deutschland zurück.
J. A. Bengel meinte, etwas Wertvolles in der Bibel entdeckt zu haben und wollte es mit allen teilen. Aber weil er die von Jesus gesetzte Grenze überschritt, hatte seine falsche Berechnung Konsequenzen für viele Tausende Gläubige.
Heißt das für uns heute, dass, weil einige die von Jesus gesetzte Grenze überschritten und falsch lagen, die prophetischen Aussagen der Bibel damit nicht mehr wichtig wären? Dass wir so leben könnten, als würde Jesus nie wiederkommen? Weil wir den genauen Zeitpunkt nicht wissen? Nein, bis zur Wiederkunft Jesu gilt es, die Spannung auszuhalten, die Paulus den Thessalonichern so schildert: „Denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. (…) Ihr aber, liebe Brüder, seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme.“ 1. Thess. 5,2.4. Wir werden nicht von dem Tag überrascht, wir können uns auf den Tag der Wiederkunft vorbereiten. Wir wissen sicher, dass er kommen wird und dass er heute schon einen Tag näher ist als gestern. In diesem Wissen und der daraus folgenden Spannung setzen wir die Prioritäten für unser Leben.
Ich persönlich finde es wichtig, im Wissen um die Wiederkunft Jesu zu leben, denn er wird sicher wiederkommen. Dafür nehme ich eine wackelige Aula gern in Kauf, teile mit den Glaubensgeschwistern die Erwartung der Wiederkunft Jesu und freue mich mit ihnen gemeinsam auf diesen Tag.
