Blickpunkt Dezember 2025 / Januar / Februar 2026 – Walter Ittner
2019 erschien das Buch „Pilgrims and Priests. Christian Mission in a Post-Christian Society“ (Pilger und Priester – Christliche Mission in einer nachchristlichen Gesellschaft) des niederländischen Professors und Theologen Stefan Paas. Dort beschreibt er, wie der rasante Wandel der westlichen Welt den Ansatzpunkt christlicher Mission im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten verändert hat. Leider ist dieses Buch nur in niederländischer und englischer Sprache erschienen. Einige für mich wichtige Erkenntnisse möchte ich hier mit uns teilen:
Heute ist es anders
Er beschreibt seine Herkunft im „frommen Kernland“ der Niederlande, dem „BibleBelt“ (Bibelgürtel), in einem Erweckungsgebiet und den krassen Gegensatz dazu im säkularen und extrem entkirchlichten Amsterdam. An vielen Stellen habe ich unsere Situation wiedergefunden, wie wir sie noch vor 30–40 Jahren in unserem evangelischen Kernland in Franken erlebten – und die dramatischen Veränderungen, auf die wir zusteuern.
Paas setzt bei der Diagnose an: Die kulturelle Dominanz der Kirchen im Westen ist vorbei, christliche Werte sind nicht mehr das Normale bei den Menschen, die nicht mehr glauben. Kirche hat auch nicht mehr die Bedeutung, die sie früher hatte, und ist oft auch nicht mehr wichtig für die Menschen unserer Zeit. Früher war das anders. In Situationen, in denen die Christen die Mehrheit haben, konnte man immer noch Menschen auf ihr – wenn oft sehr verwaschenes – Wissen um die Werte der Bibel ansprechen, selbst wenn die Menschen keine persönliche Beziehung zu Jesus hatten. Evangelisation hat dann oft bedeutet (ich weiß, das ist jetzt sehr verkürzt): Wir bemühen uns darum, von Kirche und Religionsunterricht geprägte Menschen, die trotz allem irgendwie von einem Gott wussten, auf die persönliche Hinwendung zu Jesus anzusprechen.
Aber heute kann sich missionarisches Handeln nicht mehr auf Privilegien, Volkskirchenstrukturen oder Massenevangelisation verlassen. Der „religiöse Grundwasserspiegel“ und das Wissen über Gott und die Bibel sind so niedrig, dass dies die Menschen überfordert.
Kritik gängiger Kirchen-/ Missionsmodelle
Früh im Buch skizziert Paas mehrere in der westlichen Geschichte typische Kirchenmodelle:
- staats/kulturkirchliche (Volkskirche, alle gehören dazu)
- attractionalgemeindliche (mach ein gutes und lebendiges Gemeindeprogramm, dann kommen die Leute automatisch dazu)
- erwecklichexpansive (Beten um Erweckung sowie geistlichen Aufbruch und Gebet für Gesellschaftstransformation durch gelebte Einheit der Christen)
Er zeigt ihre Teilerfolge sowie Grenzen im säkularen Umfeld. Sein Resümee: Keines dieser Modelle „passt“ ohne tiefgreifende Neuorientierung; sie setzen meist Mehrheitsstatus (die allgemeine Meinung ist christlich geprägt und es herrscht eine „kulturelle Kirchlichkeit“), institutionelle Dichte (Kirche, Religionsunterricht gibt es überall und wird genutzt) oder schnelle Konversionen (Bekehrungen) voraus, die es so nicht mehr gibt. Seine Grundfrage ist: Was bedeutet „Mission“, wenn Christentum nicht mehr selbstverständlich ist?
Die „schwer fassbare Mehrheit“
In einer „nachchristlichen Gesellschaft“ gibt es eine große Gruppe religiös Ungebundener (die „immer schwer zu fassende Mehrheit“): Menschen ohne starke Kirchenfeindschaft, aber auch ohne Bindung, deren Alltagsrhythmen und Wer te weit weg vom kirchlichen Milieu liegen. Missionsstrategien, die auf kurzfristige Entscheidungen oder EventFormate zielen, verfehlen diese Gruppe meist. Das meiste Wachstum, das wir er leben ist vor allem „biologisches Wachstum“ oder GemeindeHopping.
Säkularisierung nüchtern deuten
Paas deutet die Säkularisierung unserer Gesellschaft nicht nur als Verlust, sondern fragt, wie Gott auch in Zerstreuung und Marginalisierung (wir merken, wir zählen nicht mehr als Christen, stehen am Rande und werden nicht mehr gesehen) am Werk ist. Er warnt vor romantischer Vergangenheitsverklärung (früher war eben nicht alles besser) ebenso wie vor Resignation. Gemein den sollen die Lage realistisch annehmen, sich ehrlich den neuen Herausforderungen stellen und die Chancen daran erkennen: Vielleicht verlieren wir die Bedeutung, die wir Christen einmal hatten, aber doch nicht unsere Bestimmung und unseren Auftrag.
Missionarisches Selbstverständnis: klein, lokal, belastbar
Das von ihm vorgeschlagene Bild von Gemein de der Zukunft ist eben nicht mächtig, beeindruckend und großartig, sondern „leicht“ und nachbarschaftsorientiert: Wir brauchen – so sei ne Überzeugung – in der Zukunft vor allem kleine, tragfähige Gemeinschaften, die sich in die Lebenswelten ihrer Umgebung hineingeben – mit Gastfreundschaft, praktischer Hilfe, öffentlichem Gebet und Ritualen, die Suchenden offenstehen. Mission ist hier keine Sonderabtei lung, sondern Ausdruck gelebter Anbetung und Dienstbereitschaft; Bekehrungen sind Frucht langfristiger Beziehungen. Vielleicht erleben wir nicht mehr die große Erweckung, aber dass Einzelne sich durch gelebte Liebe und Beziehungen für Jesus gewinnen lassen.
Geistliches Leben und Praktiken
Paas wendet sich dann den biblischen Bildern zu, die seiner Meinung nach mehr der aktuellen Situation und Zukunft entsprechen: Exil, Diaspora, das Fremdsein als Gemeinde. Die Kirche ist in säkularer Umgebung weniger dominierend, dafür mehr lernend, weniger „im Besitz“, eher unterwegs sei. Die Idee: Kirche ist nicht mehr „Staatskirche“, sondern als Minderheit unterwegs. Sie übernimmt viel stärker die Rolle als „a royal priesthood“ (königliche Priesterschaft) (vgl. 1. Petr 2,9) – d. h. Gemeinschaft, die Gott vor der Welt vertritt und die Welt vor Gott. In säkularer Gesellschaft bedeutet dies Dienst, Segnung, Vermittlung und nicht Machtausübung oder privilegierten Status.
Eine solche Gemeinde segnet ihre Stadt; sie als „Pilger“ bleibt lernbereit und bescheiden. Dazu gehört regelmäßiges Gebet für die Nachbarschaft, einfache Formen des Bibelteilens, offene Tische, verlässliche Diakonie und eine Sprache, die NichtInsider verstehen. Wie müsste Kirche aussehen, wenn sie klein, lokal, beziehungsorientiert und dienend unterwegs ist? Paas behauptet: Dazu gehören vor allem geistliche und strukturelle Elemente wie Gastfreundschaft, Verlässlichkeit, Alltagspräsenz, schlichtes Evangelium in Sprache und Handlung und nicht EventStrategien, weil die im entkirchlichten Umfeld nicht mehr funktionieren.
Spannend ist für mich, dass er diese Minderhei tenSituation in der Zukunft zwar sehr stark betont, aber darüber nicht resigniert. Er lädt dazu ein, sich nicht entmutigen zu lassen, wenn das Umfeld „heidnischer“ wird, sondern kreativdoxologisch („zur Ehre Gottes“) zu leben – als Pil ger und Priester zugleich. Seine Hoffnungsperspektive: Auch in säkularen Gesellschaften kann Kirche Frucht bringen – meist anders als früher; Maßstab ist nicht gesellschaftliche Dominanz, sondern Treue, Dienst und Gemeinschaft.
Sehr gerne würde ich mit Ihnen über diese Gedanken ins Gespräch kommen.
Schreiben Sie mir bitte Ihre Gedanken dazu (Antwort garantiert). Hier einige Gedanken zum Weiterdenken:
- Wo möchten Sie widersprechen? Erleben wir nicht vielerorts noch Wachstum durch ein attraktives Programm, lebendige Gottesdienste, eine gute Kinder und Jugendarbeit? Ist Paas nicht zu negativ?
- In welchen Lebensbereichen spüren Sie die se „Pilgerschaft“ bzw. wann nicht? Was heißt das konkret für Ihre Gemeinde / Ihr Umfeld? Wo müsstet Ihr lernen, Pilger zu sein
- Welche Formen des Segnens, des Dienstes, der Vermittlung zwischen Gott und Ihrer Nachbarschaft existieren bereits in Ihrer Gemeinde und Gemeinschaft? Welche könnten neu gedacht oder gestärkt werden? (z. B. Gebetsräume für Nachbarn, offene Tische, praktische Hilfe im Stadtviertel)
- „Mission ist doxologisch …“ – also nicht primär durch große Zahlenerfolge erklärt, sondern durch Gottes Ehre und Treue im Alltag. Wie würde sich Ihr Gemeindeleben verändern, wenn Erfolg nicht primär an Wachstum gemessen würde, sondern am Treusein? Welche Denkweise müssten Sie loslassen (z. B.: „Wenn wir nicht wachsen, sind wir gescheitert“) – und warum?
