Blickpunkt September / Oktober / November 2025 – Tobias Wagner, Würzburg
Jeden Sonntag bekennen wir im Glaubensbekenntnis: Ich glaube an Gott, den Vater (…), und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn (…), ich glaube an den Heiligen Geist. Das ist unser dreieiniger Gott: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Aber wie kann ein Gott aus drei Personen bestehen? Ist das nicht unsinnig zu glauben? Die Zeugen Jehovas glauben das z.B. nicht. Für sie spielt Jesus zwar eine sehr wichtige Rolle, aber Jesus ist nicht Gott. Jesus ist das größte, wichtigste und älteste Geschöpf, das Gott geschaffen hat, aber er ist nur ein Geschöpf! Dass unser Gott aus drei Personen besteht, passt für den menschlichen Verstand eigentlich nicht zusammen. Entweder ist etwas eins, oder drei. Bei Gott aber macht 1+1+1=1.
Nun könnte man sich fragen: Ist das denn wirklich so wichtig? Ob und wie Jesus nun Gott ist, ist das nicht am Ende nur eine theologische Spitzfindigkeit? Auch wenn es auf den ersten Blick nach einer sehr theologischen Fragestellung aussieht, gibt es kaum eine Frage, die so wichtig zu beantworten ist, wie die, wer Jesus Christus ist!
In diesem Jahr erinnert sich die weltweite Christenheit an das sogenannte erste ökumenische Konzil in Nicäa (325 n. Chr.), in der heutigen Westtürkei. Als Ergebnis dieses Konzils wurde das sogenannte Nicänische Glaubensbekenntnis formuliert. Darin wird die Frage beantwortet, ob Jesus als Person tatsächlich Teil des christlichen Gottes ist. Oder ob Jesus ein Geschöpf ist, wie wir, zwar mit einer herausragenden Stellung und Bedeutung, aber doch nicht Gott. Aber wie kam es damals überhaupt dazu, dass ein solches Konzil durchgeführt wurde?
Um 310 n. Chr. tritt in den Gemeinden in Alexandria in Ägypten ein Presbyter namens Arius (um 260-327) auf. Er behauptet, dass Jesus nicht auch Gott sein kann, sonst hätten die Christen ja zwei Götter, den Vater und den Sohn. Deswegen gehört für Arius Jesus nicht auf die Seite Gottes, sondern auf die Seite der Geschöpfe. Jesus ist nicht ewig wie Gott, weil er, wie alle Geschöpfe, einen Anfang hat. Jesus ist zwar das erste, höchste und vornehmste aller Geschöpfe, Gott schuf ihn schon vor allem anderen, aber man darf Jesus Christus nicht als den ewigen und allmächtigen Gott anbeten. Arius fasst seine Meinung in zwei Aussagen zusammen: „Es gab eine Zeit, da er (Jesus) nicht war“ und „aus dem Nichts ist er (Jesus) geschaffen“. Das bedeutet nichts anderes, als dass Jesus zwar Gottes Sohn genannt wird, aber nicht Gott ist. Es gibt eine deutliche Abstufung zwischen ihm und dem Vater, genauso wie es eine Abstufung zwischen dem Vater und dem Heiligen Geist gibt.
Die Lehren vom Arius schlagen hohe Wellen. Erst in Alexandria selbst, wo der dortige Bischof Alexander Arius verbannt, und dann vor allem unter den Christen im östlichen Teil des römischen Reiches.
Sehr bald formiert sich Widerstand. Besonders der Sekretär des Bischofs Alexander von Alexandria, Athanasius (295-373), kämpft gegen die um sich greifende Irrlehre. Dabei berufen sich die Gegner von Arius auf die Bibel. Sie verweisen z.B. auf Joh. 1,1-14, wo man lesen kann, dass alles durch das Wort (griech. Logos) geworden ist. Dieses Wort ist nicht nur wie Gott, sondern ist Gott! Dieses „Gott-Wort“ wurde Mensch. Es war Jesus von Nazareth. Folglich ist Jesus das Wort, das schon immer gewesen ist und durch das alles ge- schaffen wurde. Die ganze Bibel, angefangen bei 1. Mose 1,26 bis hin zu Offenbarung 22,21 bezeugt, dass unser Gott aus mehreren Personen besteht. Im Kern geht es bei der Frage nach der Gottheit Jesu bis heute darum, ob man Gott logisch erklären kann. Zugespitzter gesagt: Kann Gott von unserem kleinen menschlichen Gehirn völlig erfasst und sein Wesen verstanden werden? Wenn man nach der menschlichen Logik geht, kann ein Gott nicht aus drei Personen bestehen. Um in dieser Frage zu einer Entscheidung zu kommen, muss man sich entscheiden: Glaubt man nur, was der Verstand logisch fassen kann, oder vertraut man am Ende dem Zeugnis der Bibel, auch wenn sie uns Informationen gibt, die weit über das hin- ausgehen, was unser Verstand fassen kann.
Arius Überlegungen wurzeln letztlich in der griechischen Philosophie. Athanasius dagegen argumentiert mit der Bibel. Am Ende seiner biblischen Überlegungen stellt Athanasius die entscheidenden Fragen: Wenn Jesus tatsächlich nur ein Ge- schöpf wäre, wie kann Jesus Christus dann durch seinen stellvertretenden Tod am Kreuz die verlorenen Geschöpfe erlösen. Mit ihm würde Geschöpf Gottes sterben. Die verlorene Welt wäre nicht durch die Liebe und das Opfer Gottes gerettet, sondern die Menschheit hätte sich durch den Tod des edelsten, wunderbarsten und höchsten Geschöpfes am Ende selbst erlöst. Wenn Jesus nicht Gott ist, dann erlöst sich am Ende die Menschheit selbst!
So standen sich Mitte der 320er Jahre zwei Parteien unversöhnlich gegenüber. Auf der einen Seite die Anhänger des Arius, auf der anderen Seite die Anhänger von Bischof Alexander und Athanasius. Und dazwischen eine große Anzahl Unentschiedener. Der Streit griff immer weiter um sich und drohte die Christenheit von innen zu zerreißen. Um das zu verhindern, lud der erste pro-christliche römische Kaiser, Konstantin I., im Jahr 325 alle Bischöfe und die Vertreter der streitenden Parteien in die kaiserliche Residenz nach Nicäa ein. Damit wollte er ein neutrales Umfeld schaffen, um miteinander zu sprechen, zu diskutieren, zu beten, und am Ende durch Leitung des Heiligen Geistes zu einer Klärung in dieser Frage zu kommen.
Das waren spannende Tage in Nicäa. Wahrscheinlich war den wenigsten der 300 Teilnehmern bewusst, dass sie Weichen für die gesamte Christenheit stellen würden. Am Ende war es für die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer völlig klar: Jesus ist Gott. Nur so, indem Gott in Jesus Christus Mensch wird, kann er uns erlösen. Die Menschen als Gottes Geschöpfe müssen und könnten sich nicht selbst retten, sondern Gott erlöst uns in Jesus Christus.
Nachdem man sich zwei Monate über die verschiedenen Argumente ausgetauscht hatte, einigte man sich deswegen auf die Formulierung, dass Jesus mit Gott „wesenseins“ sei. Die Menschen sind von ihrem Wesen her von Gott geschaffen, also Geschöpfe. Jesus aber ist von seinem Wesen her Gott, nicht geschaffen, sondern „gezeugt“. Er ist ewig, schon immer, ohne Anfang und Ende. Zum Abschluss des Konzils formulierte ein Bekenntnis, welches sich eindeutig gegen die Irrlehre des Arius, dass Jesus nicht ganz und gar Gott ist, ausspricht. Kein Bekenntnis, das nach der Zeit der Bibel entstanden ist, wird bis heute von so vielen christlichen Kirchen anerkannt wie das sogenannte Nicänische Glaubensbekenntnis.
Das Bekenntnis von Nicäa
Wir glauben an einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren,
und an einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes,
als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt,
das heißt aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht aus Licht,
wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, wesensgleich dem Vater; durch den alles geworden ist, was im Himmel und was auf der Erde ist,
der wegen uns Menschen und um unseres Heiles willen herabgestiegen
und Fleisch und Mensch geworden ist, gelitten hat und auferstanden ist am dritten Tage, hinauf gestiegen ist in die Himmel und kommt,
Lebende und Tote zu richten, und an den Heiligen Geist.
Die aber sagen: „Es gab einmal eine Zeit, als er nicht war“, und „Bevor er geboren wurde, war er nicht“, und „Er ist aus nichts geworden“, oder die sagen,
der Sohn Gottes sei aus einer anderen Hypostase oder Wesenheit,
oder er sei [geschaffen oder] wandelbar oder veränderlich,
diese belegt die katholische Kirche (im Sinne von allgemeiner Kirche T.W.) mit dem Anathema.
