Blickpunkt Dezember 2025 / Januar / Februar 2026 – Präses Steffen Kern, Gnadauer Gemeinschaftsverband e.V.
Wenn Gruppen, Kreise und Gremien anfangen, über die Zukunft zu reden, ist das meist ein Krisensignal. Je öfter die Zukunft beschworen wird, desto krisenhafter ist meist die Gegenwart. Manche neigen dazu, die Zukunft in düsteren Tönen auszumalen mit dem mahnenden Tremolo in der Stimme: „Es wird alles immer schlimmer.“ – Andere beschwören eine glorreiche, gute, strahlende Zukunft und verbinden da mit meist eine Bedingung: „Wir müssen nur das tun, was ich hiermit vor schlage…“ – Als Christen haben wir eine ganz andere Einstellung zur Zukunft, denn: Wir haben die Zukunft nicht vor uns, sondern in uns.
„Wir haben die Zukunft nicht vor uns, sondern in uns“
Das ist das Geheimnis der Trias „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Wer glaubt, verlässt sich auf ein Wort. Auf ein Versprechen. Auf eine Verheißung. Auf das Wort Gottes, der sagt: „Ich bin immer für dich da.“ Wir sehen auf Jesus Christus: Er ist für uns gestorben und auferstanden. Er bringt uns, sei ne Gemeinde und die Welt zum Ziel. Diese Zusage haben wir tief verinnerlicht. Gerade darin besteht unser Glaube: Wir verlassen uns auf ein Versprechen und sind so gelassen. In dieser Gelassenheit erwarten wir getrost, was kommen mag. Christinnen und Christen sind zukunftsgelassen – und gerade so ganz präsent.
Ja, ich gebe zu: Das spürt man oft zu wenig. All zu oft gesellen wir uns in das Lager der Schwarzmaler und Unkenrufer, der stetig Lamentieren den und der WeltendeBeschwörer. Wie der demonstrierende Mahner in der Fußgängerzone, der einsam seine Kreise zieht und ein Schild trägt mit der Aufschrift: „Das Ende ist nah!“ Die klassische Karikatur eines hoffnungslosen religiösen Schwarzsehers. – Wer dagegen auf Jesus sieht, sieht eine neue Welt aufgehen. Hat Hoffnung. Wer hofft, sieht weiter. Hält ein Versprechen fest. Wer hofft, weiß, welche Welt werden wird. Wer glaubt und hofft, hält für sich und für andere fest: „Das Reich Gottes ist da.“ Denn mit Jesus ist das Reich Gottes in die Welt gekommen. Es ist jetzt schon da, nicht erst in ferner Zukunft.
Um Gottes willen: Ein volles Ja zu unserer Zeit
Gemeinschaft hat immer Zukunft, weil sie Gegen wart hat: Jesus ist da. Wir begreifen das kaum, beherzigen es zu wenig, was es in der Tiefe bedeutet: Gott ist gegenwärtig. Der Ewige kommt in die Zeit. Darum können auch wir Zeitgenossinnen und Zeitgenossen sein. Ich wünsche mir von Herzen, dass wir Christen und gerade wir im Gnadauer Raum eine neue Liebe zu der Welt gewinnen, in die Jesus uns sendet, und eine Begeisterung für die Zeit, in der wir heute leben. Wir brauchen ein volles Ja zu unserer Zeit und eine neue Liebe zu unserer Stadt, unserem Dorf, unserer Nachbarschaft. Denn Gott liebt diese Welt, er ist in sie hin eingekommen, um selbst Zeitgenosse zu werden. Jesus nachfolgen, heißt, Zeitgenossin und Zeitgenosse zu werden. Ganz für andere da zu sein. Wenn wir wahre Zeitgenossenschaft leben, brauchen wir uns über die Zukunft keine Gedanken zu machen. Sie ergibt sich „von selbst“, wenn wir für andere da sind. Der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es kommt daran, ganz im Heute zu leben.
1. Eine Gemeinschaft ist nur dann eine von Jesus Christus geprägte und bewegte Gemeinschaft, wenn sie ganz Gemeinschaft für andere ist.
Eine Gemeinde ist kein Selbstzweck. Wir sind gesandt. Wir sind für andere da. Das gilt für jede Kirchengemeinde, jede Gemeinschaft, jeden Hauskreis, jede christliche Gruppe: Wenn wir uns nur sammeln und gegenseitig erbauen, wenn wir als Gleichgesinnte zusammenglucken und uns selbst in unseren Meinungen und Ansichten be stärken, verfehlen wir unser Ziel und unsere Bestimmung. Es gibt Gemeinschaften, die in „sich selbst verkrümmt sind“. Das ist eine sehr ernste Feststellung. Mit diesen Worten haben die Reformatoren den sündigen Menschen beschrieben: Er ist nicht auf Gott und nicht auf andere Menschen hin ausgerichtet, sondern „in sich verkrümmt“: Kümmert sich, sorgt sich, dreht sich nur um sich. Das kann auch Gemeinschaften treffen: Wenn wir zu Kreisen werden, die sich um sich selbst drehen, haben wir keine Zukunft. Wenn aber Jesus die Mitte ist, brechen wir auf und lassen uns senden. Die Schlüsselfrage ist dabei: Für wen sind wir da? Wem dienen wir? Wer in unserer Stadt, in unserem Dorf, in unserer Nachbarschaft merkt eigentlich, dass wir da sind? Wer würde uns vermissen, wenn wir nicht mehr da wären?
2. Eine Gemeinschaft hat Zukunft, wenn sie ganz in der Gegenwart lebt und Menschen Gottes Liebe begegnen.
Eine Gemeinschaft mit Zukunft hat heute offene Augen für Menschen, die bedürftig sind: Kranke, Einsame, Arme, Ausgegrenzte, Leidende, Diskriminierte, Schuldige, Geflohene, Gefangene, Verletzte… – „Was ihr diesen getan habt, habt ihr mir getan“, sagt Jesus. Die Liebe hat offene Augen. Sie sieht und geht hin. Kniet nieder, wäscht Füße, ist da. Wer erlebt: Christus ist für mich, setzt sich für andere ein. Lässt sich senden. Eine Gemeinschaft lebt das FÜR: Aus dem „FÜR Gottes“, wächst das „FÜR andere“. Eine Gemeinschaft mit dieser Haltung hat Relevanz. Sie ist bedeutsam. Heute schon. Und sie bleibt es in Zukunft, denn Bedürftige wird es immer geben. Es kommt daher dar auf an, dass wir alles, was wir als Gemeinschaften tun, an denen ausrichten, für die wir da sind: alle Handlungsfelder, den Einsatz von Ehrenamtlichen, Dienstbeschreibungen von Hauptamtlichen, aber auch die Gestaltung von Gottesdiensten, Musik und Uhrzeiten – immer ist die Frage: Passt es für die Menschen, zu denen wir gesandt sind? Dienen wir den Menschen?
3. Eine Gemeinschaft mit Zukunft agiert agil, selbständig und selbstbewusst, zugleich verbunden mit anderen Gemeinden in der Kirche
Das zeichnet Gemeinschaftsarbeit aus: Wir sind selbstständig, beweglich, dynamisch. Wir entwickeln neue Formen und Formate, wenn es geboten ist, um Menschen zu dienen. Da sind wir schnell: Wir entscheiden und handeln. Das fällt uns leichter als behördlich organisierten Kirchen. Als Gnadauer Gemeinschaften sagen wir: Wir sind eine „Hoffnungsbewegung im Raum der Kirchen“. Das bedeutet zweierlei: Wir sind dynamisch und wir sind verbunden. Wir handeln eben nicht gegen die Kirche. Wir setzen uns nicht ab, aber wir setzen uns für andere ein und wagen Neues. Damit können wir auch unseren Kirchen einen wichtigen Dienst leisten. Denn wir erleben das Ende der Volkskirche, zumindest in der Form, in der wir sie seit Jahrhunderten kennen. In dieser Phase der Kirchendämmerung kommt es umso mehr da rauf an, dass es Gemeinschaften gibt, die am Puls der Ewigkeit und gerade so auf der Höhe der Zeit sind. Wir gehen voran und entwickeln Neues, den Menschen zugute und Gott zur Ehre.
