Blickpunkt Dezember 2024 / Januar /Februar 2024 – Das Gespräch mit Wilbirg Rossrucker führte Walter Ittner

Walter Ittner: HoffnungsHaus, das hört sich ja spannend an. Können Sie uns sagen, was sich dahinter verbirgt?

Wilbirg Rossrucker: Das HoffnungsHaus ist eine Anlaufstelle, ein Wohnzimmercafé für aktive und ehemalige Prostituierte. Das bedeutet, es steht auch mitten im Rotlichtviertel von Stuttgart.

W.I.: Es ist schon ungewöhnlich, dass Christen das als ihre Aufgabe sehen. Können Sie uns etwas erzählen, wie es entstanden ist?

W.R.: Stefan Kuhn [Gesamtleiter des Projektes] war damals Gemeindeleiter in Stuttgart. Die Apis in Stuttgart haben ein WG-Projekt: Man kann etwas günstiger wohnen, wenn man in der Gemeinde mitarbeitet. In diesem Zusammenhang hat ihn der Hausbesitzer angesprochen, der die Häuser geerbt hat und eine andere Verwendung dafür wollte. Durch die Lage im Rotlichtviertel war Stefan Kuhn sofort klar, dass man hier keine WG-Wohnungen für 18- oder 19-Jährige daraus machen kann. Darum entstand gleich die Frage: „Hat Gott etwas anderes vor?“ Er hat sich deshalb aufgemacht und mit dem Gesundheitsamt und verschiedenen Gruppen gesprochen, die dort ein Angebot hatten und alle sagten: „Macht was!“

Es gab Überlegungen das Projekt gemeinsam mit der Evangelischen Allianz Stuttgart zu machen – am Ende wurde es doch ein „Apis-Projekt“.

Da bin ich dann schon bald ins Spiel gekommen. Stefan Kuhn hat mich auf einer Gnadauer Mitgliederversammlung angesprochen. Ich war gleich begeistert von offener Arbeit. Er sagte: „Aber Rotlicht“ und ich „Na und!“.

W.I.: So hat es dann also am Ende eine Österreicherin ins Schwabenland verschlagen. Wie soll man sich nun aber die Arbeit vorstellen?

W.R.: Es ist ganz, ganz niederschwellig. Das erste ist, dass wir diesen Ruheraum anbieten, wo die Frauen reinkommen dürfen. Es ist ein Schutzraum, da dürfen keine Männer rein von der Straße. Manche schlafen bei uns. Wir haben zwei Sofaecken. Eine Frau hat einmal gesagt: „Es ist der einzige Ort, wo ich ohne Angst schlafen kann.“ Außerdem bieten wir immer etwas zu Essen an. Wir haben mit ihnen Tischgemeinschaft und eine Hauptaufgabe ist zuhören, zuhören und wieder zuhören, da ja alle traumatisiert sind, einen 16 – 20h Alltag haben und kaum Gelegenheit finden, Positives zu erleben. Wir bieten Kosmetik an. Wir haben eine Physiotherapeutin, die die Frauen massiert. Wir spielen – Mensch ärgere dich nicht. Einmal im Monat ist ein Gottesdienst. Da dürfen auch Männer kommen – das wissen die Frauen, das ist dann kein Problem. Zwischendurch gibt es sogar kleinere Programme und Angebote, die sie für den Alltag stabilisieren sollen.

W.I.: Man erlebt Menschen in Not, begegnet ihnen und schickt sie wieder zurück in die alte Situation. Wie geht man denn als Mitarbeitende damit um, wenn man Menschen doch ein anderes Leben wünscht, das aber nicht so einfach funktioniert?

W.R.: Die Frustgrenze muss man schon ganz schön hoch ansetzen. Wir machen es einfach so, dass wir jeden Dienst, das heißt jede Öffnungszeit mit Losung und Gebet beginnen und am Ende noch mal durchsprechen: „Was haben wir gehört?“. Wir legen die Situation im Gebet Gott hin. Dazu haben wir regelmäßig Supervision von

außen und merken: Darüber reden tut uns am besten. Doch man muss schon wissen: Es ist eine absolute Parallelwelt, die gerade für uns Christen ganz fremd ist. Ich denke, man braucht für so eine Arbeit eine gewisse Berufung. Aber dass man überhaupt einen Blick hat für Menschen am Rand der Gesellschaft, das wünsche ich mir eigentlich von jedem gläubigen Menschen. Das ist das ureigenste des Pietismus: Hinzuschauen. Wir leben jedoch alle in einer frommen „Bubble“ [Blase] und bekommen dies gar nicht mehr mit oder wollen es gar nicht mehr mitbekommen.

W.I.: Was gibt Ihnen die Kraft, diese schwierige Arbeit auch durchzustehen?

W.R.: Zum ersten ist es sicher die Berufung. Aber ich liebe auch einfach diese Menschen. Es sind eben oft so kleine Momente, wo man sieht: Es tut sich was! Als wir beispielsweise nach Corona nach zwei Monaten wieder aufgemacht haben und dann eine Straßenprostituierte angelaufen kommt und ruft: „Meine Familie ist wieder da!“ Oder wenn ich mit dem Fahrrad durch die Straßen fahre und mir die Menschen zuwinken und rufen – einfach diese persönlichen Beziehungen. Wir geben nicht selten immer wieder etwas privat von uns preis. Wir sind hier nicht die soziale Beratungsstelle, die ganz strikt ist, sondern wir leben ein Stück weit gemeinsam mit ihnen. Wir erleben es öfters als Mitarbeitende: Das sind ganz normale Menschen. Sie erleben oder erlebten nur ganz schlimme Dinge, aber es sind Menschen mit allen Wünschen und Sehnsüchten wie jede und jeder andere auch.

W.I.: Was machen Sie, wenn eine der Prostituierten sagt: „Ich will aussteigen aus diesem Gewerbe?“

W.R.: Wir begleiten den Ausstieg nicht selbst, aber vermitteln sie an andere Stellen. Wenn jemand aussteigen will, muss diese Frau meistens auch weg aus Stuttgart, gerade weil Prostitution ganz viel mit Menschenhandel zu tun hat. 97% aller Prostituierten machen dies nicht freiwillig.

W.I.: Was ist Ihr Wunsch an uns? Was wünschen Sie den Christen in unserem Land und den Frommen in der Gemeinschaftsbewegung in Bezug auf Menschen, die am Rande stehen?

W.G.: Ein junger Drogensüchtiger vor unserer Tür, mit dem wir immer wieder geredet haben, dem wir auch Essen gegeben haben und mit dem wir gebetet haben, sagte uns diesen einen Satz: „Warum sprecht ihr mit uns? Die Kirchen wollen uns nicht und die kommen nicht.“ Die Sehnsucht der Menschen ist enorm groß. Wir müssen rausgehen aus unseren frommen Gefilden und sehen: Welche Menschen sind in unserem Umfeld? Einfach einmal eine Milieustudie machen. Es kann ja sein, dass es beispielsweise bei uns im Dorf ganz viele alte Menschen gibt, die ganz einsam sind. Es ist egal, wenn sie mit Kirche und Glauben nichts am Hut haben wollen. Wir müssen ihnen einfach immer wieder sagen: Jesus liebt dich! Dass ihr Leben nicht in Ordnung ist, dass sie Fehler machen, das wissen sie selbst. Wenn wir andere immer auf ihre Sünden hinweisen, dann erleben wir eher die Konfrontation und es folgt meistens eine ablehnende Haltung. Wenn wir ihnen aber sagen: „Du hast die Stärke, du bist geliebt, du bist wertvoll!“, da tut sich bei ihnen etwas. Wir tun das zu oft, dass wir zu sehr auf die Sünde hinzeigen. Wir müssen ihnen Gott groß machen und Jesus lieb machen, damit sie da überhaupt eine Chance sehen.

„Verurteile niemanden, der anders sündigt als du!“ – Ist mir ein Lebensmotto geworden.

In diesem Sommer haben wir eine ehemalige Prostituierte dabei gehabt aus Amsterdam, die zum Glauben kam und danach eine Bibelschule besuchte. Daraufhin sagte ein Mädchen bei uns: „Ich habe heute zum ersten Mal gehört, dass Jesus mich liebt“. Ich schaute sie ganz entgeistert an und sie sagte: „Nö, nö, du hast das immer gesagt, aber heute habe ich es mit dem Herzen gehört. Denn wenn er diese Frau verändert hat, die genau das gleiche schlimme gemacht hat wie ich, dann kann er mich vielleicht auch lieben“.

Die Sehnsucht der Menschen ist da, wir müssen jedoch die Angst verlieren, um mit ihnen wieder ins Gespräch zu kommen. Selbst wenn sie dann sagen: „Verschwinde, geh weg!“. Das macht doch nichts. Einen langen Atem braucht man schon.

W.I.: Unglaublich spannend Ihre Arbeit.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Infos und Möglichkeit zur Unterstützung des HoffnungsHauses:

www.hoffnungshaus-stuttgart.de

Aktion Hoffnungsland,
IBAN DE72 6005 0101 0405 1663 05
Stichwort: HoffnungsHaus

Hintergrundinformationen zum HoffnungsHaus Stuttgart:

Mitten im Rotlichtmilieu der Altstadt in Stuttgart eröffnete der Evangelische Gemeinschaftsverband Württemberg e.V., die Apis, 2016 das HoffnungsHaus. Es entstand ein Wohn- und Begegnungsraum für Menschen, die sich gemeinsam für die Prostituierten einsetzen wollen. Dazu kam im Erdgeschoss ein Begegnungsraum für unterschiedlichste Angebote. Mehrmals in der Woche öffnen sich die Türen für die Prostituierten, ein „erweitertes Wohnzimmer“, um ihnen einen Rückzugsort anzubieten, Würde und Anerkennung zu vermitteln und Angebote zum Neuanfang zu zeigen in Zusammenarbeit mit den öffentlichen Beratungsstellen.

Momentan setzen sich dort zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen und eine weitere im Minijob und etwa 15 ehrenamtlich Mitarbeitende aus den Gemeinden der Evangelischen Allianz ein. Unterstützt werden sie immer wieder auch von Studenten, die ihr Praxissemester im HoffnungsHaus absolvieren.