Frei, gelöst und fröhlich

Ausgabe Nr. 6, Dezember 05 / Januar 06 - Wolf-Ewald Büttner, LKG Regensburg

Einer Pflanze muss man das Wachstum nicht befehlen. Und wenn sie aufgrund schlechter Bodenqualität oder mangelnder Feuchtigkeit
nicht recht gedeiht, so ist sie dafür nicht verantwortlich zu machen.

Bei uns Menschen und Christen sieht das etwas anders aus. Paulus und Petrus ermahnen ihre Leute und mich, im Glauben, der Gnade und Erkenntnis zu wachsen. Also gibt es etwas für mich zu tun.

Zum Glück aber muss ich weder das Prinzip geistlichen Wachstums kreieren noch fortentwickeln. Die Patentrechte dafür liegen bei meinem Herrn. Geistliches Wachstum ist Geschenk. Das macht mich richtig frei, gelöst und vor allem fröhlich. So ist für mich geistliches Wachstum weder Kampf noch Krampf, sondern ein toller Plan Gottes für mein Leben. Ich werde nicht zu etwas Unmöglichem aufgefordert oder zu etwas, was ich nicht leisten könnte. Dazu hat mein Herr mit mir immer nur das Beste im Sinn. Da bleibt kein Raum für Misstrauen. Ich muss mir auch das, was mir gut tut, nicht selber erarbeiten oder dafür sorgen, dass ich bekomme, was mir zusteht.

Zwei Dinge nur bleiben für mich zu tun übrig.

Erstens muss ich wachsen wollen.

Das mag seltsam klingen, denn welcher Christ könnte etwas dagegen haben? Ist es aber nicht demütig und auch bequem, in der Rolle des unmündigen Kindes zu verharren? Es ist ein Unterschied, ob ich gegen etwas nichts habe oder ob ich etwas will. Wie zielstrebig und erfinderisch bin ich sonst in meinem Leben, wenn es darum geht, mir einen wichtigen Wunsch zu erfüllen. Und was darf mich das nicht alles kosten!

Was bringt mich meinem Ziel näher?

Das Zweite ist damit eng verbunden, nämlich die Überlegung, was mich meinem Ziel näher bringt. Der heutige Lehrtext (27. 10. 05) aus Jak. 1, 21 kommt da gerade richtig: „Nehmt das Wort an mit Sanftmut, das in euch gepflanzt ist und Kraft hat, eure Seelen selig zu machen.“ Genau das ist es: Gottes Wort gibt den Nährboden für mein geistliches Wachstum. Alles liegt abholbereit.

Leider verfalle ich nicht selten in Aktionismus, oder die Aufgaben drohen mir über den Kopf zu wachsen. Oft bin ich auch ratlos oder stehe vor wichtigen Entscheidungen, wissend, dass ich gar nicht alle Fakten kenne oder richtig gewichten kann. Da bin ich meiner Frau dankbar, die mich dann wieder an diese einzige Quelle – Gottes Wort – verweist.

Was hilft mir nun, meine geistlichen Wurzeln so tief in Gottes Wort zu senken, dass ich daraus die Kraft ziehe, die meine Seele selig macht? Früher habe ich jährlich so genannte stille Tage besucht, wo wir uns ganz zurückzogen, fasteten, schwiegen und einige wenige Bibelstellen meditierten. Wichtig ist mir die morgendliche Bibellese. Sehr gut tut mir der Besuch der Gottesdienste oder wenn ich mich selbst auf eine Predigt vorbereite. Eine von mir gehaltene Predigt ist zuerst immer eine für mich selbst. Ich entdecke, je mehr und je länger ich in Gottes Wort lese, immer Neues. Manches bereitet mir dabei auch Kopfzerbrechen, erfordert Nach- und Umdenken. Manches verstehe ich auch nicht. Dann halte ich es mit Ps. 131. Am Ende bin ich aber immer bereichert, ich komme aus dem Staunen nicht heraus. Ein Wachstum ohne ein immer tieferes Eindringen in Gottes Wort ist für mich unvorstellbar.

Es ist ein spannender Prozess. Ich vergleiche es mit dem Hineinwachsen eines Kindes in unsere Welt an der Hand der Mutter oder des Vaters. So wie ein Kind vielleicht mit den Eltern auf dem Teppich liegt, mit ihnen gemeinsam in einem Buch schmökert, sie  fragt und löchert, zwischendurch herumtobt und in diesem geschützten, liebenden Vertrauensverhältnis mit allen Sinnen lernt, so möchte ich an der Hand Gottes und des Heiligen Geistes auch wachsen im Glauben, in der Gnade und Erkenntnis.