Habt die Leiter (eurer Gemeinde) lieb!

Ausgabe April / Mai 2016 - Bibelarbeit zu 1. Thess, 5,12, Reiner Marquardt, Würzburg

Ich bin Rentner und kann das Thema sehr gelassen sehen. Ich wache Morgens auf - und schon habe ich Feierabend. Ich muss nicht um die Gunst einer Gemeinde werben. Wer keine Verantwortung für eine Gemeinde hat, kann frisch - fromm - frei über dieses Thema schreiben! Doch wenn man Jahrzehnte als Leiter der Gemeinde Jesu vorne stand, wird daraus kein blutleeres theoretisches Schreibtischprodukt.

Paulus, der Hebräerbrief u.v.a. (1.Thess 5,12f; 1.Tim. 5,17; Hebr. 13,17) weisen vielfach darauf hin, dass ein gedeihliches und friedliches Miteinander von Gemeinde und Gemeindeleitung nicht leicht, aber sehr wichtig ist. Aber es klappte und klappt wie auch heute, nicht immer. So bittet Paulus beispielsweise die Gemeinde in Thessalonich (5,12f) darum, dass sie die lieb haben sollen, die vorstehen, an ihr arbeiten oder sie ermahnen.

 

  1. Vor-stehen. Das heißt: vorne stehen! Eine Kette ist bekanntlich so stark wie ihr schwächstes Glied. Eine Gemeinde - menschlich gesprochen - so stark wie ihr stärkstes Glied: Der da vorne steht und von der Heiligen Schrift her weiß, was er will - aber auch will, was er weiß. Der Vorstand einer Gemeinde (wir nennen das heute in der LKG „Gemeinschaftsrat“), hat eine Vorbildfunktion für andere, zu der er auch steht. Das von Gott her zu bekommen und zu erhalten, bedeutet: hören auf Gottes Wort, Überlegung und Gebet (V. 17)
  2. Arbeiten. Wenn der Vorstand einer Gemeinde nicht nur „da - vorne“ steht, sondern auch in allen Bereichen der Gemeinde vorangeht, dann ist das mit viel Arbeit verbunden. Aber das hat in der Gemeinde große Folgen, weil viele dem folgen. Das war ja an der Stelle das große Thema von Jesus Christus: Folge mir nach! Ich gehe voran. Lernet von mir. Hier werden aber Leiter einer Gemeinde ständig schuldig, weil sie nicht immer Vorbild sind, ja, sein können. Und das treibt in die Buße. Zum aufrichtigen, demütigen Bekenntnis vor Gott und der Gemeinde.
  3. Ermahnen. Was Luther in V. 12 mit „ermahnen“ übersetzt, ist ein ganz anderes Wort als in V. 14. Dort bedeutet es: Gut zureden, trösten, Mut machen. V. 12 heißt ermahnen: Zurechtweisen. Eigentlich: Anderen den Kopf wieder in die richtige Richtung zurechtbiegen.“ Hier geht es lang!“ Dieses Recht, ja die Pflicht hat die Gemeindeleitung. Das kommt aber bei vielen nicht so gut an. Darum betont Paulus in diesem Zusammenhang: Habt die, die diese Pflicht und Verantwortung an euch ausüben, ja ausüben müssen, lieb! Sie meinen es doch im Auftrag Gottes gut mit euch. Und hier liegt das große Problem in der heutigen Vorstellung von Gemeindeleitung in der LKG und Kirche: Nämlich, das weltliche Prinzip der demokratischen Regelung: „ Die Mehrheit hat beschlossen, dass ...“. Als ob das wichtig wäre für die Sache Gottes, wie viel Arme sich zu einem Sachverhalt heben! Wenn Mose die Demokratie eingeführt hätte, dann säße Israel immer noch in Ägypten. Wenn unser Herr Jesus Christus auf die Menschenmasse gehört hätte, da steckten wir immer noch in unseren Sünden. Ja, aber - wie sieht das denn konkret aus in der Gemeindeleitung?! Sagt da einer oder ein Gremium in der Gemeinde, wo es lang geht und die Masse taumelt blindlings hinterher nach dem Motto: „Führer befiehl.“

 

Hier gibt uns die Bibel auch ganz klare Hinweise, wie es denn an der Stelle in der Gemeinde laufen soll. Nämlich: „Da sie aber gebetet und gefastet hatten, sprach der Heilige Geist: „Sondert mir aus...“ (Apg.13,2). Also: Die von Gott durch Menschen Berufenen stehen an der Spitze. Und wer sind die, die berufen? Vielleicht die, mit denen Gott die Gemeinde gegründet hat, die ihrerseits vor Gott in Verantwortung stehen, denen klar wurde, dass sie dem oder denen die Leitung der Gemeinde übertragen sollen. Das können Einzelpersonen sein oder ein Team, die da für das Wohl und den Aufbau der Gemeinde verantwortlich sind. Wenn es sich dann um Entscheidungen handelt bei denen es um Ermessensentscheidungen geht, zählen die „erhobenen Hände“. Geht es um gravierende geistliche Weichenstellungen, dann muss man sich einigen. Das kostet viel Zeit, Kraft, Gespräche und Gebet, bis die Sache reif ist. Denn, was der Heilige Geist einem klar macht, das macht er auch der Gemeinde klar. So kann man es von Zinzendorf lernen. Fraktionsbildung oder gar Kampfabstimmung, spalten oder zerstören Gemeinden, weil die Liebe auf der Strecke bleibt.Allerdings müssen wir vom neutestamentlichen Befund und dem reformatorischen Bekenntnis her festhalten, dass in der Gemeinde zwar unterschiedliche Gaben und somit Aufgaben zum Tragen kommen, daraus darf aber kein Statusdenken abgeleitet werden. Wir sprechen als Evangelische nicht vom „Laien und Priesterstand“, sondern dem „allgemeinen Priesterstand aller Gläubigen“. Dazu wurden wir alle von Jesus Christus in die Pflicht genommen, wenn wir in Luk. 17,10 lesen: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: ›Wir sind unnütze Knechte, wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren!‹”